Wurst mit Keimen

Zwischenruf zum Thema Wilke

Chefredakteur Boris Tomic fragt, wie die Branche nun reagieren sollte.
Salome Roessler
Chefredakteur Boris Tomic fragt, wie die Branche nun reagieren sollte.

Ohne Zweifel: Die Verantwortung für diesen erneuten Lebensmittelskandal liegt in allererster Linie bei dem Wurst-Hersteller Wilke und dessen Geschäftsführung. Zurecht ermittelt hier die Staatsanwaltschaft gegen den Geschäftsführer Klaus Rohloff wegen fahrlässiger Tötung – schließlich sind mindestens zwei Menschen an der verkeimten Wurst gestorben.

In zweiter Linie liegt die Verantwortung bei den Behörden, die es nicht schaffen, die Spreu vom Weizen zu trennen und schwarze Schafe wie diesen Wursthersteller aus Nordhessen früh genug zu entdecken und auszusondern. In der Konsequenz wird durch dieses Versagen zumindest indirekt eine ganze Branche diskreditiert.

Zu wenige Lebensmittelkontrolleure, zu regional aufgestellt und am Ende keine wirklich einheitlichen gesetzlichen Richtlinien. Klug sprach zu Wochenbeginn Dr. Carsten Linnemann, Fraktions-Vize der CDU/CSU im Bundestag, auf der Anuga in anderem Zusammenhang von einigen „schwarzen Schafen“ der Branche, die alle anderen mit hinunterziehen. Dagegen muss sich auch die Branche selbst wehren. Zurecht fordert nun Clemens Tönnies, geschäftsführender Gesellschafter des gleichnamigen Fleischkonzerns, in einem Interview mit der Zeitung „Welt" eine Neuaufstellung der Lebensmittelüberwachung. Einheitliche Standards und mehr Objektivität seien dringend gefragt. Und auch Transparenz. Der Wursthersteller Wilke hatte laut Behörden nur direkte Kundenlisten.

Der Weg der Ware, die über mehrere Vertriebsstufen wie Groß- und Zwischenhändler in den Foodservice oder die Gemeinschaftsgastronomie ging, ist auch eine Woche nach der Schließung des Betriebes noch nicht nachvollziehbar. Das zerstört Vertrauen. Ein absolutes Worst-Case-Szenario – denn es sind eben diese Unzulänglichkeiten bei der Dokumentation, die die notwendige Aufklärung nur schleppend vorwärts bringen und dadurch massiv unserer gesamten Branche schaden.

So fordert mittlerweile nicht nur Clemens Tönnies mit Vehemenz eine zentrale Instanz in Deutschland, die sich diesem wichtigen Thema endlich ohne Wenn und Aber annimmt – zum Schutz der eigenen Industrie. Aber, und diese Frage muss erlaubt sein: liegt nicht auch ein Teil der Verantwortung bei anderen? Sicher - der Verbraucher bestimmt am Ende immer den Preis. Doch diese Mechanismen funktionieren bei näherer Betrachtung etwas differenzierter: Wenn etwa ein großes, schwedisches Möbelhaus ein Frühstück, das aus Lachs, Käse, Butter, Brötchen, Marmelade und Wurst besteht, inklusive Kaffee für 2,95 Euro anbietet.

Das Perfide bei der Überlegung solcher Kampf-Preise ist, dass am Ende ja nicht einmal die Gastronomie daran verdient. Den Benefit solcher Aktionen schreibt sich das Marketing des Möbel-Hauses auf die Fahnen.

Denn solche Preise sind lediglich Mittel zum Zweck. Und der Zweck heißt, Kunden erst einmal in die Geschäftsräume zu locken. Beispiele solcher Art gibt es leider zu viele. Es muss also auch hier dringend ein Umdenken einsetzen.

Dem allgemeinen Preisdruck und der Discount-Mentalität“ müssen sich am Ende auch die Abteilungen Marketing oder Einkauf widersetzen. Ansonsten wird eine ganze Branche auch bei einem erneuten Lebensmittelskandal wieder in Sippenhaft genommen. Fleisch und Wurst sind nicht per se schlecht. Das ist Unfug. Aber schlechtes Fleisch und schlechte Wurst sind schlecht für uns allesamt.
Über den Wilke Skandal
Die Produkte der Firma Wilke Fleisch- und Wurstwaren GmbH & Co.KG wurden zum Teil auch unter anderen Markennamen oder lose verkauft. Eine Liste mit mehr als 1000 betroffenen Marken wurde auf lebensmittelwarnung.de veröffentlicht. Hotels, Kliniken, Altenheime, der Einzelhandel, Systemer und Kantinen wurden ebenfalls beliefert. Eine Übersicht der Handelsmarken, die Wilke hergestellt hat, finden Sie hier. Verpackte Ware ist am eindeutigen Identifikationskennzeichen DE EV 203 EG zu erkennen.

In den Produkten der nordhessischen Firma wurden Listerien nachgewiesen, mindestens zwei Todesfälle werden damit in Verbindung gebracht. Das Unternehmen ging in die Insolvenz, alle Produkte der Firma wurden seit dem 2. Oktober zurückgerufen. Gegen die Geschäftsführer wird ermittelt.  Die Verbraucherschützer von Foodwatch kritisieren das zuständige hessische Umweltministerium für den Umgang mit der Krise und eine zu langsame Reaktion auf die Listerienbefunde.


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