Zwischenruf

Gemischte Gefühle im Gastgewerbe nach der Wahl

Rolf Westermann, Chefreporter dfv Hotel- und Gastromedien.
ahgz
Rolf Westermann, Chefreporter dfv Hotel- und Gastromedien.

Historische Höchststände der Grünen, Rekordtief der Unionsparteien, FDP zweistellig: Die Erwartungen in der Branche sind nicht groß.

Die Wahl zum 20. Deutschen Bundestag sorgt im Gastgewerbe für zwiespältige Reaktionen. Ohne die Grünen wird voraussichtlich kein Regierungsbündnis zustande kommen. Allerdings wohl auch nicht ohne die unternehmerfreundliche FDP.

Die Hauptgeschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga), Ingrid Hartges, bringt im Gespräch mit der ahgz die Stimmung auf den Punkt: „Gut ist erstmal, dass Rot-Grün-Rot vom Tisch ist. Das Worst-Case-Szenario bleibt uns erspart.“ Andererseits ist mit dem knappen Wahlausgang eine Menge Unsicherheit über die künftige Politik verbunden. Der Aufsichtsratsvorsitzende der Dorint Hotels, Dirk Iserlohe, kommentiert: „Zunächst erwarte ich leider für unsere Branche nicht viel, da wir im Deutschen Bundestag als Tourismusbranche bis heute keine Relevanz entwickeln konnten.“


Der Vorsitzende des Hotelverbands Deutschland, Otto Lindner, verweist auf die wahrscheinliche Regierungsbeteiligung der FDP und der GM des Öschberghofs, Alexander Aisenbrey meint: "Ich denke, dass wir soweit beruhigt sein können. Wir müssen sicher weiter an unserer Position und Bemerkbarkeit in der Politik arbeiten, aber ich glaube, dass wir konstruktive Gesprächspartner haben werden."

Am Sonntagabend gab es noch ein Kopf-an-Kopf-Rennen von SPD und CDU. Unabhängig von der stärksten politischen Kraft hat ein Jamaika-Bündnis aus CDU, Grünen und FDP die Nase vor. Denn FDP-Chef Christian Lindner warb am Sonntagabend für Schwarz-Grün-Gelb, die Grünen haben dafür offenbar auch einige Sympathien. Ingrid Hartges sieht in dieser Koalition die größten Übereinstimmungen mit den Themen der Branche.   

„Bei Jamaika sehen wir größere Chancen, die Belange des Gastgewerbes durchzusetzen.“
Ingrid Hartges, Dehoga Hauptgeschäftsführerin

Rechnerisch ist aber auch eine Ampel aus SPD, Grünen und FDP denkbar sowie die erneute Zusammenarbeit von CDU und SPD. Sowohl SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz als auch der CDU-Spitzenmann Armin Laschet bekräftigten am Sonntagabend ihren Anspruch, eine Regierung zu bilden.


Nun erwartet das Gastgewerbe ein starkes Signal aus dem politischen Berlin bei den Themen Bürokratieabbau, dauerhafte Mehrwertsteuersenkung in der Gastronomie unter Einbeziehung der Getränke und insgesamt mehr Unternehmerfreundlichkeit. Es geht auch um die Frage, wie dem Klimawandel kostenverträglich entgegengesteuert werden kann. "Bei Jamaika sehen wir größere Chancen, die Belange des Gastgewerbes durchzusetzen", so Ingrid Hartges.

Eine Branche unter Stress: Corona, Bürokratie und Mitarbeiterkrise  

Die erfolgsverwöhnte Branche mit 220.000 Betrieben und - vor Corona - 2,4 Mio. Beschäftigten sowie rund 90 Mrd. Euro Jahresumsatz steht seit Beginn der Coronakrise unter Stress. Nach zehn Rekordjahren in Folge und dem Höchstsand von fast 500 Mio. Übernachtungen in Deutschland ging es steil bergab. Im Jahr 2020 registrierte das Statistische Bundesamt nur noch 300 Millionen Übernachtungen. Hotels und Restaurants waren mit monatelangen Zwangsschließungen besonders stark von den behördlichen Maßnahmen betroffen. Selbst kerngesunde Hotelunternehmen wie Motel One machten große Verluste. Immerhin: Die staatliche Unterstützung sorgte dafür, dass es bisher weniger Pleiten gab als befürchtet.

Der Restart Ende Mai gelang zwar vielerorts, brachte aber vor allem den Feriendestinationen einen enormen Aufschwung. Hotels etwa in Frankfurt und Düsseldorf kämpfen noch mit dem New Normal, auch wenn einzelne Tage in der Stadthotellerie inzwischen wieder gut gebucht sind.

Gleichzeitig gibt es eine Mitarbeiterkrise. „Wir steuern auf ein Desaster zu“, sagte kürzlich der Vorsitzende der Hoteldirektorenvereinigung, Jürgen Gangl. Inzwischen sind an manchen Standorten nicht mehr ausbleibende Gäste das Problem, sondern fehlende Mitarbeiter. In den Monaten des Lockdowns verließen Hunderttausende die Branche. Im Juni 2020 zählte das Gastgewerbe noch rund 2,1 Millionen Beschäftigte, also 300.000 weniger als vor Corona. Deshalb bleiben in Hotels ganze Stockwerke geschlossen, Restaurants passen ihre Öffnungszeiten an. Die Zahl der Azubis liegt nur noch bei 45.000, es waren einmal mehr als 100.000. Viele gingen in den Einzelhandel oder zu den boomenden Internethändlern Zalando oder Amazon. Immerhin ist die Kurzarbeit inzwischen deutlich gesunken.

Betriebe fürchten hohen Mindestlohn

Während viele Arbeitnehmer dringend auf höhere Löhne hoffen, fürchten viele Betriebe einen hohen Mindestlohn. Er liegt in Deutschland derzeit bei 9,60 Euro und soll bis Mitte 2022 auf 10,45 Euro steigen. SPD und der Deutsche Gewerkschaftsbund fordern mindestens 12 Euro Mindestlohn. Dehoga-Hauptgeschäftsführerin Ingrid Hartges ist skeptisch und sagte kürzlich der ahgz: „Einen Mindestlohn von 12 oder 13 Euro halte ich für sehr gefährlich. Die Höhe des Mindestlohns darf nicht Gegenstand des Wahlkampfes sein. Unternehmen bezahlen die Gehälter und schaffen Arbeits- und Ausbildungsplätze, nicht Parteien.“

Die Träume vieler Unternehmer von einer schwarz-gelben Koalition oder wenigstens einer CDU-geführten Regierung zusammen mit einem Koalitionspartner sind schon seit Monaten in den Umfragen zerplatzt. Der Landesgeschäftsführer des Dehoga Bayern, Thomas Geppert, hatte in den sozialen Medien den Leitspruch ausgegeben: „Linksrutsch verhindern, Mittelstand retten.“ Der Dehoga will sich jedenfalls in den vermutlich lang dauernden Koalitionsverhandlungen kräftig einmischen.

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