Zwischenruf

Das neue Normal

Boris Tomic, Chefredakteur des Fachmagazins foodservice.
Salome Roessler
Boris Tomic, Chefredakteur des Fachmagazins foodservice.

Die Nachrichten kennen seit Monaten nur ein Thema: die Corona-Pandemie und ihre Folgen. Keiner spricht mehr von zuvor weltbewegenden Topics wie Kriegen im Mittleren Osten oder Afrika, Flüchtlingen in Griechenland oder der Türkei; dem Klimawandel, von Greta & Co oder von den verheerenden Waldbränden in Australien.


Alles wird von dem weltbeherrschenden Virus überdeckt. Auch das private Leben. Das wird bestimmt von Abstandhalten und davon, mehr Zeit für das Schlangestehen beim Einkaufen einzuplanen. Freunde kann man nur mit Maske treffen – Ausgehen macht nur noch bedingt Spaß. Zettel ausfüllen, Service mit Maske, kontaktloses Bestellen und Bezahlen gehören in vielen Ländern Europas zum neuen Normal.
Der Geruch von Desinfektionsspray ist überall.

Ob es uns gefällt oder nicht. Das neue Normal wird unser alltägliches. Die Hotel- und Gastronomiebranche wird daran wachsen – oder in die Knie gehen. Wahrscheinlich ist eine Mischung aus beidem die Konsequenz dieser Pandemie und der neuen Regeln: Viele Gastronomen werden sich einrichten, zum Teil auch neu erfinden und auf zusätzlichen Wegen wie dem Getränke-Hausverkauf oder Home-Delivery die weggebrochenen Gästezahlen versuchen, zu kompensieren.

Aber einige werden auch an der Abstandsregel und den niedrigen Bewirtungszahlen verzweifeln und verschwinden. Viele kleinere Gastronomiestandorte (und sicher auch die an Flughäfen und Bahnhöfen) können mit der 1,5-Meter-Abstandsregel nicht wirtschaftlich arbeiten. Unmöglich.

Das Verrückte daran ist, dass Restaurants in urbanen Lagen in den vergangenen zehn Jahren immer kleiner und die Tischabstände immer enger wurden. Nicht nur wegen der hohen Mieten. Was macht in der Vorstellung des Gastes „ein gutes Restaurant“ aus? Das ist ein Ort, der lebhaft, laut und überfüllt ist. Wo das Leben tobt. Jetzt müssen wir pandemiebedingt wieder zu dem zurückkehren, was Restaurants in den 1980er Jahren waren.

Sharing Table war damals ein Fremdwort, das Essen wurde individuell serviert, es gab meterweise Platz in den Gängen, häufig brachte man die Speisen mit einem Wagen an den Tisch. Atmosphäre aus heutiger Sicht: gleich null. Die Zukunft sieht anders aus – Gäste werden einen QR-Code an ihrem Tisch einscannen, sodass ihr Telefon die aktuelle Speisekarte zeigt. Das Essen ist bei Wahl damit gleich bezahlt. Oder es wird direkt von zu Hause aus vorbestellt und bei Ankunft steht das bezahlte Dinner bereits auf dem Tisch.

Ein bisschen aseptisch ist das alles schon aus heutiger Sicht. Technologie wird aber in unserer Zukunft eine viel größere Rolle für das Esserlebnis der Menschen spielen. Das muss nicht zwangsläufig zu einer Abnahme der Gästezahlen führen. Menschen sind zum großen Teil recht Technik-affin.

Ich bin sicher, dass das neue Normal recht bald als Standard akzeptiert ist. Doch für die Zeit bis dahin, wo mit begrenzter Kapazität gearbeitet werden muss, müssen Regierungen für die Gastronomie über ganz Europa hinweg endlich einen Rettungsfonds aufsetzen, der nicht zurückgezahlt werden muss.

Sonst erleben viele – Wirte wie Gäste – dieses interessante neue Normal überhaupt nicht mehr.


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