Zwischenruf

Mit einer Stimme sprechen

Boris Tomic, Chefredakteur des Fachmagazins foodservice.
Salome Roessler
Boris Tomic, Chefredakteur des Fachmagazins foodservice.

Was haben wir aus den vergangenen Wochen als Branche gelernt? Wir haben gelernt, dass wir – mehr als 220.000 Betriebe in Hotellerie und Gastronomie und rund 2,4 Mio. Arbeitnehmer – in Berlin nicht gehört werden. Für die Politik in der Hauptstadt steht Gastronomie sinnbildlich leider nicht als großer und mächtiger Wirtschaftszweig vor dem altehrwürdigen Bundestag.

Sie wird dort eher als individuell aufgestelltes und familiengetriebenes Business angesehen, wie es die Gaststätte an der Ecke, der Thai-Imbiss oder der Italiener um die Ecke symbolisieren. Keiner der Entscheider ahnt, dass milliardenschwere Großhändler ebenso wie mega-umsatzbringende Systemer und natürlich auch S-Dax-notierte Technikhersteller diese Branche bestimmen. Darüberhinaus sind aber mehr als nur eine Branche – wir verkörpern eine Familie.

Als Familie sprechen

Warum aber sprechen wir dann nicht wie eine Familie? Dieses Bild bedarf dringend der Korrektur. Eine Branche - eine Stimme! Das muss das mittelfristige Ziel sein.

Sicher - vieles haben die einzelnen Verbände über die Jahre für ihre Klientel und die Positionierung der Gastronomie und der Systemgastronomie erreicht. Diese Verdienste sollen hier nicht geschmälert werden. Doch die Krise hat die Verbände gelehrt, das viele von ihnen einfach zu klein sind, um überhaupt in Berlin wahrgenommen zu werden.

Und wären wir nicht noch viel stärker, zögen alle Verbände und alle Interessenvertreter unserer Branche an einem Strang. Verbände sind sich in manchen Dingen selbst uneins. Die Hersteller, Großhändler oder auch die Technik-Hersteller sehen allzu oft ihren eigenen Vorteil vor jenem der Gesamtheit. In Zeiten von Corona hat sich das allerdings geändert und es wird klar: Konkurrenzdenken ging leider allzu zu häufig vor dem Mannschaftsgeist.


Dabei müssen wir einfach nur einmal zusammen in andere Branchen schauen, wie diese Gehör finden. Die Autobosse diktieren in Berlin hart die Konditionen, zu denen der Staat helfen darf. Wenn die Luftfahrtindustrie daniederliegt, bietet der Staat selbstlos Beteiligungen an und signalisiert, dass er auf jeden Fall stützend eingreifen wird. Und im Fußball sitzen die Weltmeister des Lobbyings schlechthin – wenn alle Welt still steht, rollt da der Ball immer noch. Auch ohne Zuschauer.

Mit vereinten Kräften

Lobbyismus gehört in Deutschland zum guten Ton. Wer nicht auf der Klaviatur der Politikbeeinflussung spielen kann, der geht am Ende leer aus. Oder zumindest wird er nicht so stark gehört wie diejenigen, die die gesamte Klaviatur perfekt beherrschen.

Was also muss unser Learning sein aus dieser Pandemie? Ganz einfach: Fangen wir endlich an, mit einer Stimme zu sprechen. Vereinen wir doch alle unsere Kräfte der verschiedenen Verbände, der Industrie, der Großhändler, der Institute und all der großen System-Gastronomen und starten wir eine gemeinsame Plattform. Eine Plattform, die die gesamte Breite und auch geldpolitische Power unseres Wirtschaftszweigs repräsentiert - und die wesentlich schneller gehört wird von den politischen Entscheidern.

Denn eines ist so gewiss wie das leckere Fleisch-Patty auf einem guten Burger: Die nächste Krise kommt bestimmt.


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