Interview

"Nur wer brennt, kann Neues schaffen"

Zukunftsforscher Dietmar Dahmen
Benedikt Weiss
Zukunftsforscher Dietmar Dahmen

In Zeiten der Vulkan-Ökonomie empfiehlt Dietmar Dahmen Unternehmen, nicht vor Umwälzungen in Deckung zu gehen. Im Interview erklärt der Zukunftsforscher, wie Wandel funktioniert und warum er uns manchmal Angst macht.

Dieser Text ist Teil unseres Specials "Nur Mut! – Ideen für das Geschäft von morgen". Hier als kostenloses E-Paper.

Herr Dahmen, das Thema Zukunft beschäftigt gerade sehr viele Menschen, einige sind sehr optimistisch, andere eher ängstlich: Was fühlen Sie, wenn Sie an die Zukunft denken?
Dietmar Dahmen: Ob wir es wollen oder nicht: Die Zukunft passiert. Das Alte wird nie bleiben, alles bewegt sich nach vorne. Warum die Menschen Angst davor haben? Das Alte versteht man, damit kann man umgehen. Gleichzeitig wird es für erfahrene Menschen immer schwieriger, ihre Expertise zugunsten von etwas Neuem, Unbekanntem aufzugeben. Die Jungen haben dagegen nichts zu verlieren: Sie wissen sowieso noch nicht so viel, da können sie auch gleich das Neue lernen. Deshalb sind sie agiler und waren immer schon die Gestalter der Zukunft.

Täuscht denn der Eindruck, dass sich alles gerade viel schneller wandelt als früher?
Nein, überhaupt nicht. Die Zyklen sind tatsächlich viel kürzer als früher. Heute wird ständig etwas erfunden, das ähnlich bahnbrechend ist wie das Feuer und das Rad: künstliche Intelligenz, Blockchain, Roboter, Sensoren, Internet der Dinge. Sie kommen alle gleichzeitig in unsere Welt, beeinflussen sich gegenseitig, wodurch sich der Wandel massiv beschleunigt.
Zur Person
Dietmar Dahmen verbrachte 20 Jahre als Kreativer in führenden Werbeagenturen in Hamburg, New York, Los Angeles, München und Wien. Er lehrte zudem Werbung an der Filmakademie Baden-Württemberg, wo er mit seinen Studenten 16-mal Preise gewann.

Heute arbeitet er als professioneller Redner und Berater in Sachen Wandel, Innovation und disruptive Marktstrategie für Kunden auf der ganzen Welt. Er sitzt im Vorstand zahlreicher Unternehmen, ist Gründungsmitglied des Smart Service Award Germany und Chief Innovation Officer bei der Digitalagentur Ecx.io. Dahmen ist Mitglied im Creative Club Austria und dem Art Directors Club Germany. Sein Buch „Transformation. BAMM! Management in der Vulkanökonomie“ erschien 2017 im Muhrmann Verlag.

Was heißt das für Unternehmer?
Es reicht heute oft nicht mehr, ein Produkt zu haben und es immer besser zu machen. Man muss agil sein, Dinge ausprobieren, wegschmeißen, den Trends folgen. Das hat auch etwas mit Fehlerkultur zu tun: Wie gehe ich damit um, wenn etwas nicht klappt? Zweifele ich an mir? Oder fange ich wieder neu an, obwohl etwas nicht funktioniert hat? Kinder sagen: Das Lego-Haus sieht doof aus, also baue ich ein neues. Sie gehen spielerischer damit um, wenn etwas nicht gut läuft. Diese Leichtigkeit sollten wir Erwachsenen uns öfter mal abschauen.



Welche Charaktereigenschaften sind bei der Gestaltung des Wandels besonders nützlich?
Wie immer ist eine ausgewogene Mischung ideal – aus Durchhaltevermögen und Flexibilität: Einerseits braucht man ein hohes, langfristiges Ziel. Und auf der anderen Seite den Mut, Dinge anders zu machen. Mein Lieblingsbeispiel ist Rocky: Er will Boxweltmeister werden, dafür trainiert er hart, steckt im Ring aber ordentlich Schläge ein. Nun hat er zwei Möglichkeiten: Entweder er ändert sein Ziel und wird – sagen wir – Bäcker. Oder er ändert seine Boxtechnik, womit er letztendlich erfolgreich ist.

Wie lassen sich die Mitarbeiter am besten auf diesem Weg mitnehmen?
Führungskräfte sind immer auch Emotionsmanager. Sie müssen die Menschen emotional ins Boot holen. Wichtig ist die Frage: Wofür lobe ich? Wenn ein Unternehmen viele Dinge ausprobiert und die Mitarbeiter immer nur dann gelobt werden, wenn etwas funktioniert, dann passt das auf die Dauer nicht. Man sollte lieber diejenigen loben, die am meisten riskiert haben, auch wenn das Ergebnis negativ war. Dazu sollte man natürlich nicht das Selbstbild haben, dass einem immer alles gelingen muss.

Ein Selbstbild, das heutzutage – zumindest nach außen hin – sehr verbreitet ist. Wir trauen uns doch häufig nicht, Schwächen zuzugeben und zu zeigen. Misserfolge werden möglichst verschwiegen ...
Klar, wenn man sich Facebook und Instagram ansieht, sind wir alle perfekt und glücklich, können uns alles leisten, führen ein Traumleben. Aber das stimmt ja nicht. Da prallen Selbstbild und Wahrheit oft ziemlich hart aufeinander. Das verunsichert viele Menschen. Deshalb mein Rat: Feiern Sie nicht nur Erfolge! Feiern Sie auch mal Misserfolge. Und zwar am besten mit einem Lächeln.

Trotzdem gibt es unbestritten auch Verlierer des Wandels: Was soll ein Taxifahrer tun, in dessen Stadt Uber plötzlich den Markt übernimmt?
Nicht mehr Taxi fahren. Er muss sich etwas Neues einfallen lassen. In der Wirtschaft gibt es die Regel: Never change a winning horse. Heißt: Man hat vielleicht ein starkes Pferd. Nur: Stark zu sein ist ja nicht gleichbedeutend mit "gewinnen", denn dazu braucht es einen Wettbewerb. Der findet immer in einem Umfeld statt – also außerhalb. Beim Pferd ist das normalerweise ein Stadion. Aber was, wenn sich das Umfeld ändert? Wenn das Rennen plötzlich im Ozean stattfindet? Dann verliert Ihr Pferd – und es gewinnen die, die in dem Umfeld besser zurechtkommen: zum Beispiel Delfine. Deshalb gilt: Wenn sich das Umfeld ändert, müssen Sie sich auch ändern!

Sie sprechen bei Ihren Vorträgen von "Vulkan"-Ökonomie. Sind Vulkane nicht ein Grund, sich zu fürchten?
Ein Vulkan bricht aus und zerstört das eigene Geschäft, ohne dass er sich beeinflussen oder stoppen lässt. Man kann aber die Kraft des Vulkans nutzen, zum Beispiel zur Energiegewinnung! Denn die Kraft der Vulkane kommt ja durch das Brennen. Gründer brennen für ihre Idee. Wenn das Unternehmen dann groß wird, zieht es aber viele Mitarbeiter an, die eher auf der Suche nach Sicherheit sind als nach feurigen Abenteuern. Das Feuer verlischt. Eine Firma, in der keiner mehr brennt, hat aber keine Energie mehr. Nur wer brennt, kann neues Land schaffen, wie ein Vulkan. 

Wie stellen Sie sich die Arbeitswelt in zehn Jahren vor? Werden uns demnächst Roboter den Cappuccino bringen?
Ich erwarte, dass die Maschinen zunehmend die funktionalen Dinge übernehmen und der Mensch sich mehr um die emotionalen Dinge kümmern wird. Für die Gastronomie-Branche bedeutet dies, dass es einerseits mehr automatisierte Angebote zu Budget-Preisen geben wird. Und es wird andererseits emotional extrem aufgeladene Konzepte geben, in denen Menschen sich um jedes Gästebedürfnis kümmern, zuhören, empathisch sind. Die kosten dann sehr viel Geld.

Weil Gefühle, also das, was die Roboter nicht können, im Wert steigen?
Ja, der Wert der Dinge verändert sich gerade: Alltagstechnik wird selbstverständlich und verliert deshalb an Wert. Handwerk und Tradition gewinnen – für diese Produkte werden immer höhere Summen bezahlt. Es geht um das, was wir emotional mit ihnen verbinden. Ein gutes Gefühl zu haben, ist selten. Und Seltenes ist immer teuer. Analog und digital sind keine Gegensätze, sondern ergänzen sich. Eines meiner liebsten Beispiele sind Bio-Kühe, die auf der Alm leben. Wenn diese Kühe kalben, brauchen sie in der Regel menschliche Hilfe. Früher mussten sie deshalb vor der Geburt in den Stall. Heute implantiert man ihnen einen Chip, der dem Bauern meldet, wann das Kalb kommt und wo sich die Kuh gerade befindet. Die Technik ermöglicht also ein natürlicheres Dasein für die Kuh. 

Vieles hängt ja auch mit Bequemlichkeit zusammen: Wenn mir etwas einmal einfach gemacht wurde, will ich das nicht wieder aufgeben …
Das ist tatsächlich so: Der größte Motivator zu handeln und etwas zu ändern, ist Faulheit! 

Wenn vor allem die Jugend den Wandel gestaltet, werden dann auch junge Mitarbeiter immer wertvoller? Sollte man sie gezielt ins Team holen?
Wenn die Digitalisierung in Zukunft ein wichtiger Teil des Erfolges sein wird, muss ich sie im Team abbilden. Und den Experten in diesem Bereich Verantwortung übertragen, sprich: sie die Richtung bestimmen lassen. Das können leider nur sehr wenige Unternehmen. Die meisten hören den jungen, zukunftsorientierten Leuten viel zu wenig zu. 

Mal angenommen, Führungskraft und Team sind bereit und haben Lust auf Veränderung: Was sind die Fallstricke, vor denen man sich in Acht nehmen sollte? Welche Fehler kann man machen?
Jeden! Je mehr, desto besser! Fehler zeigen uns doch, wie viel möglich ist und wo wir unsere Grenzen erreichen. Wichtig ist, sich nicht entmutigen zu lassen, weiterzumachen. 

Sie beraten und coachen Teams und Unternehmer. Mit welchen Bedenken werden Sie dabei konfrontiert?
Die meisten fragen mich: Schaffe ich das? Dann sage ich: Am Anfang nicht, danach schon. Wenn ein Baby anfängt zu laufen, fällt es hunderte Male hin. Und es steht immer wieder auf. Wir haben es alle irgendwann gelernt. 

Welches sind die interessantesten Innovationen für Unternehmen aus der Gastronomie?
Das wichtigste Asset heutiger Unternehmen sind die Daten ihrer Kunden. Um mit ihnen richtig umzugehen, braucht man künstliche Intelligenz, sonst sind sie wertlos. Wer die Daten hat, hat den Kunden, hat das Business.

Die Daten haben aber heute oft "disruptive" Unternehmen wie Foodora, Lieferando oder Plattformen wie Booking.com …
Dann muss ich mir überlegen, wie der Kunde zu mir kommt: zum Beispiel, konstruktive Ökosysteme aufbauen, indem ich Daten mit anderen Unternehmen austausche, um gemeinsam eine ähnliche Zielgruppe anzusprechen. Im Restaurant wollen die Gäste häufig ja auch nicht nur essen, sondern auch ein Erlebnis und Unterhaltung. Das heißt also, die Botschaft muss lauten: Bei uns ist immer etwas los! Solches Denken zeichnet übrigens auch all jene Städte aus, in deren Zentrum der Einzelhandel trotz der Online-Konkurrenz lebendig ist, während in anderen Städten tote Hose herrscht.

Diese Städte haben häufig auch eine tolle Gastronomie!
Ja, natürlich. Denn Gastronomie ist ein wichtiger Teil des Wandels von Funktion zum Erlebnis.

Sehen Sie auch Gefahren in Innovationen – wie Datenmissbrauch oder Waffen aus dem 3-D-Drucker?
Künstliche Intelligenz, Drohnen – alle diese Dinge haben kriminelles Potenzial. Deswegen ist es beispielsweise wichtig, den Umgang mit Daten gesetzlich zu regeln, wie es die Europäische Union jetzt mit der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) getan hat.

In Ihrem Buch zitieren Sie Tesla-Gründer Elon Musk, den Visionär, der plant, den Mars zu besiedeln. Glauben Sie, dass das gelingt? Wird es dort auch Gastronomie geben?
Ja, ich gehe fest davon aus, dass ich eines Tages im Weltall sein werde. Und unsere Kinder sowieso. Wenn es dort ein Restaurant gibt, kommen die Gerichte bestimmt aus dem 3-D-Drucker, weil das technisch die praktischste und vielseitigste Lösung ist. Ob es sich dabei um ein McDonald's-Restaurant oder ein kleines, innovatives Start-up aus Lübeck handeln wird – wer weiß?




stats