Klima-Aktionswoche

Senioren fürs Klima begeistern? Geht!

Küchenleiter André Böwing vor dem Haus Carl Sonnenschein.
André Böwing
Küchenleiter André Böwing vor dem Haus Carl Sonnenschein.

Eine Aktionswoche "Gutes Essen für eine saubere Umwelt" startet Klimadozent und Küchenleiter André Böwing im Carl-Sonnenschein-Haus. Ende März lässt er die Bewohner der Domus-Caritas-Seniorenheime in Ochtrup, Kreis Steinfurt, an seinen Klimaschutz-Aktivitäten teilhaben.

"Rund 17 Prozent des CO2-Ausstoßes verantworten die Großküchen hierzulande", schätzt André Böwing. Seit vielen Jahren engagiert sich der erfahrene Küchenleiter gegen Lebensmittelverschwendung und für klimaschonende Produktionsprozesse. Die Stellschrauben, an denen eine Großküche entscheidend drehen kann, kennt er gut. "Dank der Unterstützung meiner Gäste und meines Teams konnten wir seit 2012 die wöchentlichen Lebensmittelabfälle um fast 500 Kilo auf die Hälfte reduzieren", berichtet er von den Effekten eines gemeinsamen Projekts mit der Fachhochschule Münster.


Aktionswoche

Am 25. März startet seine Klima-Aktion "Gutes Essen für eine saubere Umwelt". Bereits eine Woche zuvor informiert er per Aushang über seine Beweggründe. Im direkten Gespräch teilt er seine Begeisterung. Er zeigt Menschen im letzten Lebensabschnitt auf, welchen Beitrag sie leisten können, um für ihre Kinder, Enkel und Urenkel das Klima und die Umwelt zu schützen – mit frischen Speisen, die ressourcenschonend zusammengestellt und zubereitet sind. Dabei hofft er, auch die Angehörigen und Besucher seiner Gäste zu erreichen. "Essen ist enorm wichtig und emotional. Es beschäftigt die Menschen, strukturiert ihren Tag und ist Gesprächsthema", sagt Böwing. Auf dem Speisenplan der Aktionswoche ist zu jedem Gericht der CO2-Ausstoß pro Mahlzeit angegeben. 1.020 Gramm CO2 verursacht zum Beispiel die Rostbratwurst mit Wirsinggemüse und Bratkartoffeln, als Nachtisch Sahnequark. Diesen Wert können die Tischgäste vergleichen mit dem Gelbe Rübeneintopf mit Hühnerfleisch, Dessert Rote Fruchtgrütze, dessen CO2-Wert nur bei 510 Gramm liegt.

Alle Sinne ansprechen ist Böwings Vorsatz: Die Speisen sollen schön aussehen, duftige Frische auf den Tisch bringen und natürlich schmecken.
André Böwing
Alle Sinne ansprechen ist Böwings Vorsatz: Die Speisen sollen schön aussehen, duftige Frische auf den Tisch bringen und natürlich schmecken.
Stetes Verbessern und Nachjustieren sind gefragt. So sind die Fleischportionen deutlich geschrumpft. Dies entspreche den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung und sei umweltfreundlicher, so Böwing: "Vor sieben Jahren wog ein Schnitzel noch 120 Gramm, heute kommt es mit 80 Gramm auf den Teller, begleitet von ausreichend Gemüse und Sättigungsbeilagen." Im Schnitt liegt der Fleischanteil bei 340 Gramm pro Woche. Zu seinem Repertoire gehören viele frisch zubereitete Veggie-Gerichte. "Im Winter ist Kohl das saisonale Gemüse, mit Kümmel zubereitet kann man das auch Senioren gut anbieten."

Praktisches Schritt für Schritt

Die Klimabilanz seiner Gerichte ermittelt der findige Koch über die Webseite klimatarier.com. Dort wird der Wert über einen Echtzeit-Vergleich mit den Emissionen einer Autofahrt veranschaulicht. Wenig Fleisch zu servieren, ist eine von mehreren Böwing-Maßnahmen für das Klima. Ein zweiter bedeutender Faktor ist sein Netzwerk an regionalen Lieferpartnern. Rund die Hälfte seiner Lebensmittel bezieht er im Umkreis von etwa 60 Kilometern, sehr häufig von Direktvermarktern. So kann er als Großabnehmer gleichzeitig die Landwirtschaft vor Ort stärken. Und: Viele konnte er überzeugen, Umverpackungen einzusparen und Mehrwegbehälter zu verwenden.

Klimafreundliche Maßnahmen
  • Food Waste reduzieren
  • kleine Fleischportionen
  • möglichst viele regionale Lieferpartner
  • Saisongemüse verarbeiten
  • Mehrwegverpackungen
  • keine Portionspackungen für Zucker, Butter, Marmeladen, Quark & Co
  • Gemüseabschnitte und-schalen sowie Knochen für Brühen weiterverwenden
  • Frischware statt Convenience- und TK

Alte Menschen involvieren

Regelmäßig erforscht André Böwing mit seinen Gästen seinen eigenen großen Kräutergarten.
André Böwing
Regelmäßig erforscht André Böwing mit seinen Gästen seinen eigenen großen Kräutergarten.
Teilhabe am aktiven Leben Schenken ist André Böwings erfolgreiche Methode, um auch hochbetagte Senioren für die Umweltaufgaben der Zukunft zu sensibilisieren. So nimmt er seine täglichen Tischgäste gerne mit zu seinem großen Kräuter-Hochbeet. Hier können sie fühlen, riechen und schmecken, was ihr Koch anbaut, um seinen Gerichten die nötige Würze zu geben.

Gut acht verschiedene Aktionswochen strukturieren das Jahr und setzen immer wieder Akzente in den beiden Einrichtungen Carl-Sonnenschein- und Ferdinand-Tigges-Haus. Besonders viel Freude bereiten Böwing der jährliche Familientag mit Frontcooking und das Frühstücksbuffet für die Bewohner im Frühling und Herbst. Sie sorgen für optische Highlights, regen alle Sinne an und bieten den Senioren noch lange Gesprächsstoff.

Seniorenverpflegung in den Häusern der Domus Caritas, Ochrup
Rund 400 Mittagessen produziert André Böwings 20-köpfiges Team im Cook-&-Serve-System. Neben den beiden Einrichtungen Carl-Sonnenschein- und Ferdinand-Tigges-Haus werden noch externe Gäste per Essen auf Rädern versorgt. Im Carl-Sonnenschein-Haus wird im Rahmen des "offenen Mittagstisches" in der Gemeinschaft mit anderen gegessen. Die meisten seiner im Durchschnitt 82 Jahre alten Gäste essen noch selbstständig, teilweise in betreuten Wohngruppen à acht Personen.



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