Corona / Interview

"Wir müssen auf Nachwehen gefasst sein"

Professor Dr. Klaus Fiedler leitet den Lehrstuhl für Sozialpsychologie an der Universität Heidelberg. Fiedler ist Mitglied der 26-köpfigen Expertenrunde der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, die in der vergangenen Woche ihre Empfehlungen für eine Rückkehr in die Normalität veröffentlichten.
Universität Heidelberg
Professor Dr. Klaus Fiedler leitet den Lehrstuhl für Sozialpsychologie an der Universität Heidelberg. Fiedler ist Mitglied der 26-köpfigen Expertenrunde der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, die in der vergangenen Woche ihre Empfehlungen für eine Rückkehr in die Normalität veröffentlichten.

Professor Dr. Klaus Fiedler lehrt und forscht an der Universität Heidelberg. Der Sozialpsychologe zählt zudem zum Autoren-Team der in der vergangenen Woche veröffentlichten Leopoldina-Empfehlungen, die zur Entscheidungsfindung der Bundesregierung zum weiteren Vorgehen in der Corona-Krise beitragen sollen. Mit FOOD SERVICE sprach er über die Auswirkungen der aktuellen Situation und den damit verbundenen Regeln auf das Verhalten der Menschen.  


Wie werden die Menschen reagieren, wenn Kontaktsperren und Ausgangsverbote aufgehoben werden? Bleiben sie weiter überwiegend zuhause oder strömen sie hinaus?

Klaus Fiedler: Das ist eine Frage, die sich viele stellen. Ich habe dazu einige naive Theorien. Die eine sagt folgendes: Die Änderungen unserer Gebräuche und unseres habituellen Verhaltens werden schon noch etwas nachhängen. Wir haben jetzt inzwischen entdeckt, dass es auch schön ist, mal Zuhause zu sein. Dass es schön ist, mal etwas Abstand zu halten. Dass wir auch ohne viel Entertainment auskommen können und dass es auch billiger ist. Es wird nicht gleich wieder so weitergehen wie zuvor. Das hat mit einem Gewohnheitseffekt zu tun. Auch die Fußballstadien werden sich nicht gleich wieder füllen - sollten sie denn in diesem Jahr noch wieder öffnen. ABER dann wächst Gras drüber und die in dieser Zeit neu erlernten Verhaltensmuster sind auch wieder vergessen. 

Wie schnell vergessen Menschen die in der Krise neu erlernten Verhaltensmuster?
Das hängt sehr stark von der Umgebung ab und das sind in erster Linie die Medien. Auf der einen Seite Print und die elektronischen Medien und auf der anderen Seite natürlich auch die sozialen Medien. Wenn die Medien ein neues Lieblingskind entdecken - beispielsweise das Thema häusliche Gewalt oder das Nachbeben - und die Darstellung vorherrscht, dass die aktuelle Gefahr nicht mehr besteht, dann werden die Menschen ihr Verhalten auch schnell wieder ändern. 

Was bewegt die Menschen zur Einhaltung der neuen Regeln?
Die aktuelle Situation ist zum Teil auch ein Medienprodukt. In den Medien wird die Corona-Bedrohung als große Katastrophe dargestellt. Nicht umsonst werden die Statistiken als Absolut-Statistiken dargestellt. Natürlich wirken die Absolutzahlen der Toten bedrohlich. Tatsache ist aber, dass sie sich in der Darstellung relativer Zahlen im Promille-Bereich bewegen. Im Grunde ist das individuelle Risiko nicht wirklich hoch. Dagegen werden die Nachwehen - das, was hinterherkommt - wahrscheinlich schlimmer sein als das, was wir jetzt erleben. Wir können das noch gar nicht überblicken. Eine weitere Frage ist, ob die Politik nicht ihre Glaubwürdigkeit einbüßen könnte - auch im Hinblick auf zukünftige Katastrophen. Diese Nachwehen erscheinen uns noch sehr fern und vielleicht glauben wir auch nicht daran. Aber möglicherweise sind die Nebeneffekte bereits jetzt schon schwerwiegender als die Virus-Erkrankung selbst. Man kann das natürlich erst im Nachhinein beurteilen - wenn man die Todesstatistiken mit denen anderer Jahre vergleichen kann.

Auf welche Altersgruppen erwarten Sie die stärksten Einflüsse dieser Sondersituation?
Vermutlich werden die Alten ihre Vorsicht beibehalten. Sie sind dafür sensibilisiert, dass sie anfällig sind. Unter den jungen Leuten dagegen wird es auch jetzt schon Verstöße geben. Das wird zwar weder erfasst noch diskutiert, aber es ist einfach eine Frage der Biologie. In den jüngeren Jahren spielt das Engmiteinandersein, das Körperliche einfach eine große Rolle. Daher werden die jungen Menschen auch schnell wieder Partys feiern, freizügiger sein und undisziplinierter. Der aktuelle Gehorsam, die Compliance, beruht bei uns ohnehin nicht auf einer Verinnerlicherung dieser "neuen Werte". So lange die Menschen gesagt bekommen, dass sie zuhause bleiben sollen, bleiben sie zuhause. Aber sobald dieses Gebot aufgehoben wird, werden zumindest die Jungen auch wieder feiern. 

Über Klaus Fiedler
Professor Dr. Klaus Fiedler leitet den Lehrstuhl für Sozialpsychologie in Heidelberg. Sein Schwerpunkt liegt auf der Rationalitätsforschung - den rationalen und irrationalen Einflüssen auf Urteile und Entscheidungen. Im Jahr 2000 wurde er mit dem Leibniz-Preis (Förderpreis für deutsche Wissenschaftler) ausgezeichnet. Seit 2002 ist Fiedler Mitglied der Nationalen Akademie für Wissenschaft Leopoldina. Gemeinsam mit 25 weiteren Wissenschaftlern verfasste er die am vergangenen Montag veröffentlichte Stellungnahme zur COVID-19-Pandemie. 

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