Gastro-Lockdown

Unverhältnismäßig und undifferenziert

Drei-Sterne-Koch Christian Jürgens möchte ein Ende des Lockdowns - und reiht sich damit in die Forderungen vieler seiner Kollegen ein.
imago images / Thomas Einberger
Drei-Sterne-Koch Christian Jürgens möchte ein Ende des Lockdowns - und reiht sich damit in die Forderungen vieler seiner Kollegen ein.

Die aktuellen Lockdown-Maßnahmen stoßen auf zunehmenden Widerspruch des Gastgewerbes - zumal weitere Regelungen und zeitliche Ausweitungen diskutiert werden.

Brandbriefe an die Bundesregierung und die Ministerpräsidenten gab es zuletzt unter anderem von Dorint-Chef Dirk Iserlohe und von einer Gruppe von System- und Individualgastronomen. Sie kritisierten Unverhältnismäßigkeit, mangelnde Differenzierung zwischen den einzelnen gastronomischen Kategorien und politische Kleinstaaterei.
Zudem verdrängten die Lockdown-Maßnahmen die Menschen aus einem sicheren Umfeld - und auch die gefährliche Pandemie-Müdigkeit werde verstärkt. Dirk Iserlohe, der bereits eine Vielzahl von Briefen an Kanzlerin Merkel geschrieben hat, beklagte insgesamt eine "ungerechte und unangemessene Benachteiligung des gesamten Gastgewerbes".

Nun zieht mit Christian Jürgens, 3-Sterne-Koch im Restaurant Überfahrt im Althoff Seehotel Überfahrt in Rottach-Egern, ein namhafter Kopf der Spitzengastronomie nach und kritisiert: "Durch die veranlasste Schließung werden verstärkt die sozialen Kontakte ins häusliche Umfeld verlegt, dort herrschen keine Hygienekonzepte und es findet auch keine Kontrolle über die Anzahl der Kontakte statt."

Ganz anders sei das in der Gastronomie: "Jeder Gastronom und Hotelier hat mit größtmöglichem Einsatz und im eigenen Interesse dafür Sorge getragen, dass Hygienemaßnahmen eingehalten wurden. Die geringe Infektionsrate hat die Wirksamkeit dieser Maßnahmen bestätigt." Viele gastgewerbliche Unternehmer hätten überdies in Lüftungsanlagen investiert - oder seien bereit, dies zu tun.

Für den 3-Sterne-Koch steht es außer Frage, dass es darum geht, die Pandemie mit geeigneten Maßnahmen gemeinsam in den Griff zu bekommen und nennt ein ihm zufolge gelungenes Beispiel aus dem Ausland. In Madrid sei es gelungen, mit Schnelltests und Sperrstundenregelungen in einzelnen Stadtteilen die Situation unter Kontrolle zu bringen. Restaurants konnten wieder öffnen.

"Die Maßnahme, Hotellerie und Gastronomie zu schließen, ist ein Bauernopfer und führt zu nichts. Im Gegenteil: Millionen von Arbeitsplätzen sind bedroht, viele Gastronomen werden an den Rand der Insolvenz gebracht oder viele werden in naher Zukunft ihre Betriebe schließen müssen", so Jürgens' Fazit. Der Spitzenkoch befürchtet zudem, dass populistische Parolen im Zuge der aktuellen Maßnahmen zunehmend in der Öffentlichkeit platziert werden und Zuspruch bekommen. 

Christian Jürgens appelliert an Bundeskanzlerin Angela Merkel: "Nehmen Sie den Schulterschluss mit einer der stärksten Branchen in Deutschland an - der Gastronomie & Hotellerie - und lassen uns Seite an Seite diese große Herausforderung zum Wohle aller in den Griff bekommen!"

Dieser Text erschien zuerst in unserer Schwesterzeitschrift ahgz.


stats