29. IMF: Götz Rehn im Gespräch

"Der Mensch muss im Mittelpunkt stehen"


Götz Rehn (r.) im Gespräch mit gv-praxis-Redakteurin Claudia Zilz.
Thomas Fedra
Götz Rehn (r.) im Gespräch mit gv-praxis-Redakteurin Claudia Zilz.

Im Vorjahr bereits ein voller Erfolg: das Unternehmer-Gespräch auf dem Internationalen Management-Forum der Gemeinschaftsgastronomie (IMF). Damals gab Claus Hipp Einblicke in werteorientierte Unternehmensführung. In diesem Jahr auf der Bühne stellte sich Bio-Pionier und Alnatura-Gründer Prof. Dr. Götz Rehn den Fragen von gv-praxis-Redakteurin Claudia Zilz.

Die gut 300 Gäste des IMF erfuhren, dass Rehns Weg als Unternehmer nicht von vorneherein ausgemacht war. Ein erster Berufswunsch war – ganz in der Familientradition – Arzt. "Arzt ist sicher ein sehr sinnvoller Beruf, doch ich fand die Gründung eines nachhaltigen Unternehmens noch sinnvoller", erklärte Rehn seine Studienentscheidung für Volkswirtschaft. In den ersten fünf Jahren nach dem Abschluss arbeitete er für Nestlé. Die Zeit sei ein wichtiger Baustein gewesen, aber schon damals habe er sich mit alternativen Unternehmensformen beschäftigt.
Über Götz Rehn und Alnatura
Götz Rehn absolvierte ein Studium der Volkswirtschaftslehre in Freiburg, promovierte 1978 mit dem Thema "Modelle der Organisationsentwicklung". Seit 2007 hat Rehn eine Honorarprofessur an der Alanus Hochschule inne und leitet dort das von ihm gegründete Institut für Sozialorganik. 1984 gründete Rehn das Unternehmen Alnatura unter dem Leitmotiv "Sinnvoll für Mensch und Erde". Aktuell gibt es rund 1.400 Alnatura-Produkte, die unter anderem in 133 Alnatura-Supermärkten und über ein Handelspartnernetz (u.a. Edeka, Rossmann, Tegut) mit 12.500 Filialen in 15 Ländern vertrieben werden. Das Unternehmen beschäftigt rund 3.150 Mitarbeiter, der Umsatz im Geschäftsjahr 2017/2018 betrug 822 Mio. Euro netto.

"Die Leistungen eines Unternehmens müssen sinnvoll sein. Der Mensch muss im Mittelpunkt stehen", erklärt Rehn sein Credo, das 1984 zur Gründung des Bio-Handelsunternehmens Alnatura führte. Sehr zur Skepsis des Umfelds: Selbst der eigene Vater glaubte nicht an den Erfolg, schließlich war Bio zu der Zeit eine winzige Nische.

Unternehmen als Organismus begreifen

Die Unternehmenskultur müsse zuerst stehen, Rehn spricht von Sozialorganik. Das Unternehmen verstehe er als Organismus, der sich lebendig entwickelt und den Menschen und der Gesellschaft dienen soll. Nach diesem Ideal müssten sich die Mitarbeiterführung und die wirtschaftliche Ausrichtung des Unternehmens richten. "Es ist wichtig, ein Gemeinschaftsgefühl zu schaffen; miteinander für andere tätig zu sein", erklärt Rehn.

Bei Alnatura würden etwa alle Unternehmensziele in Projektform angegangen. "Das erfordert die richtigen Herangehensweisen", erläutert der Unternehmer. "Sie schaffen so absolute Transparenz und konzentrierte Arbeit in gemischten Teams. Und natürlich die Notwendigkeit, andere fragen zu müssen – und stärken so den Netzwerkgedanken." Damit diese Art des Arbeitens funktionieren könne, braucht es laut Rehn folgende Strukturen:
  • Eine Führung, die solche Netzstrukturen anerkennt und lebt
  • Die passende Arbeitswelt für die Mitarbeiter
  • Digitale Tools, die das ortsunabhängige Arbeiten ermöglichen

Größtes Bürogebäude aus Lehm

Die für seine Mitarbeiter passende Arbeitswelt hat Alnatura mit der unlängst eröffneten neuen Zentrale in Darmstadt geschaffen. Das größte Büro-Gebäude Europas mit massiven Lehmwänden, im Inneren mit 10.000 Quadratmetern Bürofläche ohne Trennwände als offene Arbeitswelt. Die Module habe man selbst entwickelt und sich dabei etwa vom Vitra-Campus oder der Architektin Zaha Hadid inspirieren lassen.

Lediglich die Mitarbeiterverpflegung wurde "ausgelagert". "Wir hatten eine Leidensgeschichte mit Gastro-Konzepten", erklärt Rehn. Daher überzeugte man die Schweizer vegetarische Buffet-Formel Tibits, auf dem Campus einzuziehen. Das Restaurant wird inzwischen auch von externen Gästen ausgiebig genutzt.

Bio-Anteil in Deutschland "Bankrotterklärung"

Auf den gestiegenen Anteil an Bio-Lebensmitteln im deutschen Markt insgesamt angesprochen, sprach Rehn trotz guter Wachstumsraten von einer "Bankrotterklärung der Gesellschaft". Ein Bio-Umsatz von rund 11 Mrd. Euro sei "kein Erfolg, sondern peinlich". Es sei immer noch nicht verstanden worden, dass ein deutlich größerer Anteil des ökologischen Landbaus notwendig für den Schutz des Klimas, der Artenvielfalt und des Wassers sei. So könne etwa durch höhere Humus-Anteile im Boden effektiv Kohlendioxid gebunden werden.

Die Politik habe schon seit Renate Künast als Landwirtschaftsministerin einen Bio-Anteil von 20 Prozent vorhergesagt, er liege aber immer noch bei unter 10 Prozent. Vor Ort habe er bei der Politik einen Vorstoß gewagt und in Darmstadt vorgeschlagen, den Anteil an Öko-Landwirtschaft von derzeit etwa 17 Prozent auf 80 Prozent oder mehr zu steigern. "So könnten wir zeigen, dass die Kosten für die Gesellschaft sogar günstiger sind, unter anderem wegen geringerer Wasserreinigungskosten", sagt Rehn. Ob das Realität wird, bleibt abzuwarten. "Zumindest hat der Oberbürgermeister nicht direkt nein gesagt", erzählt Rehn.
Götz Rehn kurz gefragt
Mit 18 wollte ich ... eine Welt mitgestalten, in der nicht nur das Materielle zählt.
Stolz bin ich auf ... Stolz liegt mir fern, ich bin dankbar in der heutigen Zeit leben zu dürfen und meinen Anteil beizusteuern.
Von meinen Kindern habe ich gelernt ... geduldig zu sein.
Mein momentanes Lieblingsessen ist ... Alnatura-Spaghetti mit selbstgemachter Tomatensauce und unseren King Prawns.
Das letzte Mal herzhaft gelacht habe ich ... hier und heute, bei einem Flachs mit dem Fotografen.
Ich möchte noch einmal ... Skilaufen.



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