Internationales Management-Forum

"Wir brauchen Lust auf Digitales"

Digitalisierungsexperte Ibrahim Evsan begeisterte das Publikum.
Thomas Fedra
Digitalisierungsexperte Ibrahim Evsan begeisterte das Publikum.

"Statt digitaler Transformationen benötigen wir eine menschliche Transformation", ist Ibrahim Evsan überzeugt. Auf dem Internationalen Management-Forum 2019 (IMF) im Congress Park Hanau hielt der Experte ein leidenschaftliches Plädoyer für die Digitalisierung. Olga Graf, Mitbegründerin des Berliner Startups Food Kompanions, skizzierte hingegen die Mensa der Zukunft. Beide Vorträge waren Teil des Vortragsblocks "Future Forward".

"Sie müssen sich als Branche für die digitalen Welten öffnen", appellierte der Blogger und Buchautor Ibrahim Evsan an die gut 300 Teilnehmer und machte in seinem Vortrag mehr als einmal deutlich, warum dieser Weg alternativlos ist. Digitalisierung sei mittlerweile leider für viele Unternehmen das "Unwort des Jahres". Das Thema sei überreizt. Ein großes Problem, wie der Digitalexperte, beobachtet. "Wie soll die Digitalisierung unter diesen Voraussetzungen noch in das Unternehmen finden? Und von allen gelebt und geliebt werden?" Definitiv hätten wir Deutschen ein Problem, uns darauf einzulassen, wenn im Hinterkopf der Gedanke mitschwingt, es könnten 50 Arbeitsplätze verloren gehen. Oder man muss womöglich seine liebgewonnenen Gewohnheiten plötzlich verändern, neu denken, neu starten. Erste Reaktion: Nein Danke! Umso mehr gelte es, den Mitarbeitern das Potenzial der Digitalisierung aufzuzeigen, es für alle erfahrbar zu machen.

Digitaler Gesundheitsmarkt

Wo künftig die digitale Reise hinführt, demonstrierte Evsan eindrucksvoll anhand verschiedenster Beispiele. Gesundheit etwa sei derzeit eines der Top-Themen, auf die sich die digitalen Supermächte Google, Alphabet und Co stürzten. Statt Fitnesstracker als Armband analysiere ein kleiner, unscheinbarer Ring am Finger in Echtzeit unsere Gehbewegungen, um daraus Krankheiten und Anderes zu erkennen. Oder wie wäre es mit einem Check unseres genetischen Codes? Für 99 Dollar sei dies zu haben. Allein Google habe 140 Unternehmen in der Disziplin Gesundheit gekauft oder selbst aus der Taufe gehoben wie Calico. Das Biotechnologieunternehmen entwickle Tabletten nicht gegen eine Krankheit, sondern Tabletten zur Stärkung gesunder Zellen mit dem einzigen Ziel: Das Leben des Menschen zu verlängern. Ein Milliardenmarkt, wenn die Rechnung aufgeht.

29. IMF in Hanau: Spitzentreffen der Gemeinschaftsgastronomen


Tastatur bald abgeschafft

Doch nicht nur im Gesundheitskosmos greift die Digitalisierung um sich. 40 Prozent aller Suchanfragen liefen über die Sprache. Evsan: "In acht Jahren ist die Tastatur nicht mehr relevant." Und: Das Smartphone hört immer mit, schickt uns nach Analyse unseres Gespräches personalisierte Werbung aufs Handy. "Kein Scherz", betont der Experte. Letztendlich greift die Digitalisierung in alle Lebensbereiche ein. Adidas tüftelt derweil am völlig digitalisierten Fußball, um die besten Spieler der Welt zu finden. Das Credo: Zehn Millionen verschenkte Bälle sind nicht so viel wert, wie ein Cristiano Ronaldo. "Das ist digitale Transformation", so Evsan.

Man könne heute Prozesse, Geschäftsmodelle und Dinge digitalisieren. Insgesamt gäbe es mindestens 122 verschiedene Felder der Digitalisierung – von New Work bis Digital Governance. Kombiniere man diese Felder wiederum miteinander, würden komplett neue Geschäftsmodelle entstehen. "Allein, dafür fehlt uns die digitale Kompetenz." Deshalb sei es unerlässlich, die Menschen zu überzeugen, den digitalen Wandel gemeinsam zu gestalten, seine Vorteile aufzuzeigen. Aus "I have a dream" muss ein "We have a dream" werden. Nur so könnten Unternehmen die digitale Transformation meistern.

Die Omni-Mensa kommt

Um die Mensa 2.0 drehte sich alles bei der Produkt- und Service-Designerin Olga Graf, Mitbegründerin der Berliner Innovationsagentur Food Kompanions. Sie entwarf in ihrem Vortrag ein futuristisches Bild der Campusgastronomie. Die Vision: Ihre "Omni-Mensa" ist weit vernetzt und ermöglicht selbstorganisiertes Lernen. So könnten künftig auch lokale Cafés und Restaurants Teil des Mensa-Netzwerkes sein. Gleichzeitig fungiert die Mensa selbst als Zentralküche, die gesunde, nachhaltige Mahlzeiten – natürlich individualisiert für den jeweiligen Nutzer – beispielsweise in Co-Working-Spaces liefert. Künftig sieht Graf die Mensa zugleich als Food Lab – als Lern- und Innovationsraum. Studenten könnten dort Produkte entwickeln, die anschließend in der Mensa getestet werden. "Auf diesem Wege nehmen zukunftsweisende Startups ihren Anfang", sagt sie. Die Campusgastronomie avanciert zum Ort für künftige "Foodpreunere" – mit Co-Cooking und Co-Working Space.

Ein äußerst spannendes Zukunftszenario, das auf 27 Interviews mit Studierenden, Lehrenden, Fachexperten, Politikern sowie Mensaleitern und -mitarbeitern beruht. Für das Projekt hat das Team von Food Kompanions 23 Gerichte verkostet und 18 Orte der Gemeinschaftsgastronomie besucht und daraus künftige Szenarien und Handlungsfelder erarbeitet. Der Vortrag zeigte eindrucksvoll, wie sich die Campusgastronomie neu erfinden kann – zum Nutzen der Gesellschaft.

Zum Vormerken: Das nächste Internationale Management-Forum für die Gemeinschaftsgastronomie (IMF) findet vom 23. bis 24. Juni 2020 im Congress Park Hanau statt.

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