Interview

Vertical Food: Zwei Ghost Kitchens. Drei Food-Marken


Drei Delivery-Marken hat Start-up-Gründer Beschir Hussain bislang im Berliner Markt gelauncht: Vadoli, Fresh's und Spyces.
Vertical Food
Drei Delivery-Marken hat Start-up-Gründer Beschir Hussain bislang im Berliner Markt gelauncht: Vadoli, Fresh's und Spyces.

„Es gibt etwa 15.000 Restaurants in Berlin, die liefern. Aber nur eine begrenzte Anzahl an Küchenrichtungen. Wir wollen in jeder Sparte mit einer Premium-Marke vertreten sein“, so das Ziel von Vertical-Food-Gründer Beschir Hussain.


Herr Hussain, Anfang 2017 haben Sie den Pizza-Delivery-Dienst Vadoli in Berlin gelauncht. Man sollte denken, derer gibt und gab es in Berlin bereits in Hülle und Fülle?

Der Pizza Delivery Markt in Deutschland ist mit einem Wert von etwa 1 Mrd. Euro sehr attraktiv, wird allerdings heute immer noch durch die gleichen Anbieter dominiert, die sich in den 80er Jahren auf Pan Pizza spezialisiert haben. Möchte ich eine wirklich gute Steinofenpizza bestellen, stehen mir nicht viele Optionen zur Verfügung. Über die Hälfte der Bestellungen wird immer noch telefonisch bearbeitet, die Auslieferung dauert überdurchschnittlich lange und bleibt für den Kunden relativ intransparent. Vadoli entwickelt authentische Steinofenpizzen in Partnerschaft mit renommierten Pizzabäckern für den Online Food Delivery Markt. 


Wie hat sich Ihre Reichweite in den ersten zwei Jahren seit Start entwickelt?  
Anfang 2017 sind wir mit der ersten Küche auf zwei Stockwerken in Charlottenburg gestartet. Aus dieser Küche heraus bearbeiten wir aktuell 70.000 Bestellungen pro Jahr. Ende 2017 haben wir unsere zweite Marke Fresh‘s gelauncht. Fresh’s richtet sich mit Salaten, Bowls, Wraps und Smoothies an gesundheitsbewusste Esser. Mitte 2018 kam schließlich Spyces dazu, eine mediterrane Food-Marke, die in Kooperation mit dem israelischen Koch Gal Ben Moshe, aufgebaut wurde.
Dank einer erfolgreichen Finanzierungsrunde im Dezember 2017 expandieren wir nun weiter: Eine zweite Küche in Berlin-Mitte ist seit Ende des Jahres online. Mit beiden Küchen bedienen wir vier Bezirke. Charlottenburg und Wilmersdorf mit 150.000 potentiellen Kunden sowie Mitte und Prenzlauer Berg mit 120.000 Anwohnern sowie zusätzlichen Bürokunden.

Vertical Foods
Anfang 2017 startete Beschir Hussain das Food-Start-up Vertical Food in Berlin. Die Besonderheit des Unternehmens: die physische Präsenz spielt eine untergeordnete Rolle. Die drei Marken Vadoli (Italienisch), Fresh’s (Gesund) und Spyces (Mediterran) richten sich ausschließlich an Delivery-Kunden. Zwei Küchen, 60 Mitarbeiter und eine Lieferflotte aus 15 Fahrzeugen decken den gesamten Produktions- und Zustellungsprozess ab. Auch die komplette Software wurde im eigenen Haus entwickelt.

www.vadoli.de


Wie groß ist ihr Lieferradius?
Das Einzugsgebiet wird über Postleitzahlen definiert. Dieser entspricht einem Radius von etwa 3,5 Kilometern. Die Bestellungen werden je nach Distanz mit unterschiedlichen Fahrzeugen ausgefahren: E-Bikes, E-Scooter und Autos. Die aktuelle Flotte zählt derzeit 15 Fahrzeuge. 

Für den Kunden ist die Zusammengehörigkeit der Marken nicht erkennbar. Warum nicht?
Das stimmt. Wir profitieren von Synergien im Einkauf, in der Auslastung des Personals und der Küchenkapazität sowie bei der Nutzung unserer Kundendatenbank. Trotzdem tritt jede Marke autark mit einer eigenen Social Media Präsenz und Bestellplattform auf. Das hat den Vorteil, dass wir problemlos neue Trends testen können, ohne dabei die etablierten Marken zu gefährden. Darüberhinaus ist der Auftritt insgesamt authentischer und fokussierter, da sich jede Marke auf eine Cuisine spezialisiert. 

Andererseits entgeht Ihnen die Chance, Sammelbestellungen der unterschiedlichen Marken gemeinsam zu bedienen … 
Gegenwärtig ja, eine übergeordnete Marketplace Brand würde Sammelbestellungen durchaus erlauben und gleichzeitig die Unabhängigkeit der Marken untereinander gewährleisten. Aktuell führen wir dennoch Cross Listings durch –  ähnliche Salate, andere Verpackungen. Eine wichtige Erkenntnis ist nämlich, dass die Kunden der unterschiedlichen Marken ein anderes Preisbewusstsein haben. Fresh’s Kunden sind bereit mehr für einen gesunden Salat zu bezahlen als Vadoli-Kunden.  

Ist eine weitere Diversifizierung des Portfolios geplant?
Das große Asset unseres Ansatzes besteht darin, dass wir mit geringstem finanziellem und zeitlichem Aufwand, neue Marken an den Start bringen können. Da wir keine physische Darstellung der Marke brauchen, schätzen wir den finanziellen Aufwand einer neuen Marke auf etwa 20.000 Euro. Der Arbeitsaufwand liegt bei einer Woche für die Entwicklung des Menüs. Neue Marken können jederzeit entwickelt und getestet werden, ohne das bestehende Unternehmen zu gefährden. Über die bestehende Datenbank von Vertical Food kann das Geschäft angefeuert werden.  

Was spricht für die Ausweitung des Marken-Portfolios?
Nicht zuletzt die allbekannte Stoßzeiten-Problematik. Unsere Marken sind komplementär aufgestellt. Es lassen sich dadurch nicht nur unterschiedliche Tageszeiten abdecken, sondern auch wetter- und saisonbedingte Flauten überbrücken.

Die Vadoli-Küche in Charlottenburg bedient mittlerweile auch die Gäste des nahe gelegenen Interconti Hotels. Wie kam es zu dieser Kooperation? 
Uns ist aufgefallen, dass viele Leute vom Hotelzimmer aus ihr Essen bestellen. Und zwar aus dem Grund, dass der Room-Service vieler Hotels nicht sehr umfangreich oder zu teuer ist. Wir sind daraufhin auf die Hotels zugegangen und haben ihnen Kooperationen angeboten. Die Gäste unserer Partnerhotels können nun vom Zimmer aus an der Rezeption bestellen, die Rezeption gibt die Bestellung online über eine von uns angebotene Schnittstelle weiter an unsere Küche, beim Check-out bezahlen die Gäste.

Worin bestehen die größten Herausforderungen Ihres Geschäfts?
Die Skalierung wird bei uns in erster Linie durch den bestehenden Fachkräftemangel in Deutschland ausgebremst. Es gibt Phasen, in denen wir – genau wie auch unsere Wettbewerber – die Bestellplattformen aufgrund der relativ hohen Nachfrage schließen müssen.

Wie sehen die Nah- und Fernziele von Vertical Foods aus?
Wir sind innerhalb der letzten 12 Monate deutlich schneller gewachsen als erwartet. Im ersten Quartal diesen Jahres steht deshalb die Optimierung unserer operativen Prozesse im Vordergrund unserer Arbeit. Anschließend werden wir zwei weitere Food-Marken in diesem Jahr auf den Delivery-Markt bringen. 
Gleichzeitig planen wir mit unserer neugegründeten Tochtergesellschaft Vertz SoftwareLösungen für den Gastro Markt. Unsere operativen Kennzahlen haben sich durch unsere eigene Software so eklatant verbessert, dass diese Programme auch für andere Unternehmen hilfreich sein sollten.

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