New Food Conference

Fisch und Fleisch neu erdacht

"Besonders die Jungen sind offen für kultiviertes Fleisch", sagt Mathilde Alexandre, Projektleiterin CellAg bei ProVeg.
Koelnmesse GmbH
"Besonders die Jungen sind offen für kultiviertes Fleisch", sagt Mathilde Alexandre, Projektleiterin CellAg bei ProVeg.

Tiere in Ruhe leben lassen und doch Fisch und Fleisch genießen. Kultiviertes Fleisch ist das nächste große Ding der Lebensmittelindustrie. Das Highlight der Anuga 2021 in Köln war Thema der "New Food Conference" von ProVeg. Pioniere gaben Einblick in ihre Branche.

Tieren, Umwelt und der eigenen Gesundheit dienen und doch weiter Steaks, Fisch und Käse genießen. Und genug für alle bald neun Milliarden Weltbürger sollte es auch sein, so die Vision der rund 20 Industrievertreter, Investoren und Wissenschaftler, die auf der New Food Conference (NFC) im Rahmen der Kölner Anuga sprachen.

Die Ernährungsorganisation ProVeg hatte die internationale Konferenz erstmals als Hybridveranstaltung organisiert, im Rahmen der weltgrößten Ernährungsmesse. "Tierprodukte ohne Tiere" soll die zelluläre Landwirtschaft möglich machen. Sie kreiert aus Tierzellen oder Mikroorganismen wie Hefe, Bakterien und Pilzen völlig identische Produkte wie die konventionelle Tierwirtschaft – nur anstatt im Tierkörper im Fermenter. Die Ergebnisse dieser bahnbrechenden Biotechnologie konnte man auf der New Food Conference bereits schmecken: David Brandes der von Meatech übernommenen Marke Peace of Meat servierte Fleischbällchen aus Soja und kultiviertem Hühnerfett. Dafür entnimmt das belgische Start-up Hühnereiern bestimmte Zellen und bereitet sie mit Hilfe von Bioreaktoren so auf, dass eine Fettmasse entsteht. Sie sorgt für den Hühnchengeschmack – und für großes Gedränge vor der NFC-Bühne.

Gesetzesmühlen und Hollywood-Stars

Die Massenproduktion von kultiviertem Fleisch ist noch Zukunftsmusik.
imago images/Science Photo Library
Die Massenproduktion von kultiviertem Fleisch ist noch Zukunftsmusik.

Noch ist kultiviertes Fleisch eine Sensation. Auf dem Markt gibt es bisher ausschließlich in Singapur nur die Chicken Nuggets von Eat Just. "Die gesetzliche Zulassung ist ein sehr langer und teurer Prozess", erläuterte Robert E. Jones von Mosa Meat in seinem Vortrag. Das Unternehmen aus den Niederlanden hat 2013 den ersten zellbasierten Hamburger präsentiert und seitdem Millionen eingesammelt, im September stieg Leonardo di Caprio als Top-Investor ein. Noch ist die Herstellung im großen Format zu teuer im Vergleich zu herkömmlichem Fleisch. Und die Forschung ist noch längst nicht am Ziel. Herauszufinden bleibt etwa, wie sich nicht nur Nuggets, sondern auch ganzes Fleisch am Stück herstellen lässt. Oder Fischfilet – das Thema von Dr. Sebastian Rakers. Seine Firma Bluu Bioscience ist die erste in Europa, die sich auf die Entwicklung von kultiviertem Fisch spezialisiert hat. Die ersten Produkte sollen 2023 auf den Markt kommen.

Junge sind offen für kultiviertes Fleisch

Dass die Zulassungen kommen und die technischen Herausforderungen gemeistert werden, da sind sich die Experten sicher. Doch werden die Verbraucher die neuen Produkte auch kaufen? "Die Jüngeren, gut Informierten sind sehr offen dafür", so Mathilde Alexandre, die bei ProVeg International das Projekt CellAg koordiniert. Besonders groß sei die Akzeptanz schon in Israel, größter Hotspot für kultiviertes Fleisch neben Singapur. Allein rund um Tel Aviv forschen sechs Firmen an der Technik für Laborfleisch. Meatech Business Development Manager Simon Fried erklärte: "Wir entwickeln gerade Bio-Tinte und Drucker, mit denen wir bis Ende des Jahres ein klassisches Steak herstellen können." Auch bei Meatech stehen die Investoren Schlange, jüngster Neuzugang ist Hollywood-Star Ashton Kutcher.

Bei Investoren ebenfalls beliebt, um Tierprodukte ohne Tiere herzustellen, ist die Präzisionsfermentation. Dabei werden Bakterien oder Hefen so "programmiert", dass sie beispielsweise Milchproteine herstellen. In den USA gibt es bereits Speiseeis aus tierfreien Milchproteinen, in Deutschland arbeiten Unternehmen an Käse. Hier ist noch viel Luft nach oben, wie die New Food Conference zeigte. "Käse soll gesund sein, nachhaltig, lecker und kostengünstig – das kann noch kein Käse, ob pflanzlich oder mit Milch", sagte Blue Horizon-Investor Nate Crosser in einer Panel-Diskussion. Kommt bald der Mozzarella aus Milch, aber ohne Kuh? Crosser: "Es ist eine große Herausforderung, aber wir Menschen können coole Sachen machen, wenn wir es versuchen."
Über ProVeg
Die internationale Ernährungsorganisation ProVeg will den weltweiten Tierkonsum bis 2040 halbieren. Dafür arbeitet der Verein mit internationalen Entscheidungsgremien, Regierungen, Nahrungsmittelproduzenten, Investorengruppen und der breiten Öffentlichkeit zusammen. Ziel ist der weltweite Übergang zu einer Gesellschaft und Wirtschaft, die weniger von der Tierhaltung abhängig sind, dafür nachhaltiger für Menschen, Tiere und den Planeten. ProVeg hält den Beobachter-Status des "United Nations Framework Convention on Climate Change", ist für die Generalversammlung der Vereinten Nationen akkreditiert und Gewinner des "United Nations Momentum for Change Award".

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