New Work

Angst vor morgen?


Mensch und Maschine verschmelzen - nur eine Entwicklung der Digitalisierung.
Shutterstock / Willyam Bradberry
Mensch und Maschine verschmelzen - nur eine Entwicklung der Digitalisierung.

Die Arbeit geht uns aus, so klingt der Warnruf der Digitalisierung. Aber wäre das wirklich eine schlechte Nachricht? Jedenfalls müssen wir ganz neu über Arbeit nachdenken. Vordenker Franz Kühmayer will Mut machen.

Dieser Text ist Teil unseres Specials "Nur Mut! - Ideen für das Geschäft von morgen".

Wir stecken mitten im digitalen Wandel – die vierte industrielle Revolution ist ausgerufen. Doch unser Blick auf das Morgen ist vielfach noch erstaunlich naiv. Unterzieht man die Maßnahmen, die Unternehmen, Politik und Zivilgesellschaft aus Prognosen zu künstlicher, sprich: maschineller Intelligenz und Robotics ableiten, einer kritischen Bewertung, bleibt von revolutionären Gedanken erstaunlich wenig übrig.


Digitalisierung verändert Unternehmen und Arbeit auf entscheidende Weise. Sie befördert schon heute neue Arbeitsweisen und zersetzt althergebrachte Prinzipien von Erwerbsarbeit. Noch vor nicht allzu langer Zeit wurde die frohe Botschaft verkündet, dass mobile Technologie das Arbeiten von überall und jederzeit ermöglichen wird und wir daher dem drögen Alltag im Büro durch Arbeiten mit Laptop auf der Insel entkommen werden. Dass diese sehr rasch Realität gewordenen Prognosen auch Schattenseiten haben, erkennen wir erst heute.

Mehr a-typische Beschäftigungsverhältnisse

Während der Anteil der Arbeitnehmer, die im althergebrachten Normalarbeitsverhältnis beschäftigt sind, stetig sinkt, machen sogenannte atypische Beschäftigungsformen wie etwa Teilzeit, Projektarbeit, Leiharbeit oder Management auf Zeit – in vielen Betrieben bereits einen signifikanten Anteil aus. Tendenz: stark steigend. Potenziert wird diese Entwicklung durch zeitliche und örtliche Flexibilität der Leistungserbringung: Mobiles Arbeiten, Vertrauensarbeitszeit und Home Office unterlaufen nicht nur die Anwesenheitspflicht, sondern auch Koordination und Kommunikation. In der fragmentierten Unternehmenslandschaft wird Zusammenhalt zur Herausforderung.



Was für Unternehmen gilt, hat auch für den Einzelnen seine Bedeutung: Während steigende Flexibilität für manche als großes Befreiungserlebnis wirkt, sehen andere ihre ehemals klar strukturierte Ordnung gefährdet und suchen nach neuen Orientierungen. Und auch ohne die berühmte "Generation Y/Z" zu bemühen, nehmen viele Unternehmen eine deutliche Veränderung im Wertesystem von Bewerbern und Mitarbeitern wahr. Ansprüche verschieben sich, Erwartungshaltungen entsprechen nicht mehr gängigen Mustern, neue Vorstellungen von einer gelungenen Laufbahn erschüttern die klassische Aufstiegslogik. Ergebnis: Organisation und Management ringen bei Personalführung und Recruiting um gangbare Wege. Und zwar längst nicht nur bei den wenigen jungen Hochtalentierten, sondern quer durch das Spektrum.

Und schließlich bleibt die entscheidende Frage: Nehmen uns Roboter und Algorithmen am Ende ohnehin die Arbeit weg – und wenn ja, wäre das eigentlich eine schlechte Nachricht? Die Auseinandersetzung mit der Arbeitswelt von morgen führt uns an die Substanz unserer menschlichen Identität und wirft Fragen nach der Struktur und Ordnung der Gesellschaft auf.

Franz Kühmayer
Franz Kühmayer gehört zu Europas einflussreichsten Vordenkern der neuen Arbeitswelt. Er arbeitet als Trendforscher am Zukunftsinstitut in Frankfurt und Wien. Der Autor zahlreicher Publikationen blickt auf eine internationale Karriere als Führungskraft zurück, heute lebt er in Wien. Kühmayer hat Physik und Informatik studiert und lehrt an mehreren Fachhochschulen. Zuletzt erschienen sind "work:design", "Hands-On Digital" und "Leadership Report".

Agile Methoden sind gefragt

"Das Leben ist, was Dir passiert, während Du es eifrig zu planen versuchst." hat John Lennon einst beobachtet – und war damit Vorreiter agiler Methoden, die flexibel auf eine sich immer schneller drehende Welt reagieren. Die Fünf-Jahresvision, der jährliche Business-Plan, ja sogar die Quartalsprognose scheinen in der digitalen Welt nicht mehr haltbar zu sein. Weder helfen dann noch schlauere Modelle noch ein Erhöhen der Informationsdichte. Der Dataismus, sprich: die enormen Datenmengen, die wir auf Schritt und Tritt generieren, stößt an seine Grenzen. Auch die altbewährte Intuition ist keine Stütze mehr: Wo der Referenzrahmen des Erfahrungswissens seine Gültigkeit verloren hat, sind auch die darauf basierenden Entscheidungen nicht mehr gültig. Aus dem Unbehagen an dem Status quo entstehen die Sehnsucht nach Neuem und der Versuch, das Unternehmen durch Strukturveränderungen zu optimieren.

Verfechter der digitalen Betriebsmodelle sprechen dann davon, dass Unternehmen agil zu sein haben und Manager sich auf eine VUCA-Welt einstellen sollen, eine Welt, in der alles flüchtig und unsicher ist, sich unter dem Diktat der Digitalisierung die Rahmenbedingungen für Unternehmen stetig wandeln. Die Abkürzung VUCA steht übrigens konkret für die englischen Begriffe volatility, uncertainty, complexity und ambiguity. Heißt übersetzt: Volatilität (Unbeständigkeit), Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit.

Viele Experten, aber keine Lösung

Unter klingenden Schlagworten treiben die Heilsbringer als Antwort auf die VUCA-Welt neue Organisationsformen voran, von denen geradezu mythische Heilsversprechen ausgehen wie "Holacracy", ein vom Unternehmer Brian Robertson entwickeltes Managementsystem, oder "Scrum", eine Form agilen Projektmanagements. Spätestens an dieser Stelle läuten bei Führungskräften zu Recht die Alarmglocken. Eine sorgfältige Betrachtung hinterlässt eher Ratlosigkeit. Wie soll das in der Praxis funktionieren? Werden hier echte und nachhaltige Erfolge erzielt? Woran, außer an ein paar euphorischen Zitaten, kann der Erfolg festgemacht werden? Lassen sich die Arbeitsweisen einer Silicon Valley Company oder eines Berliner Start-ups reibungslos auf einen gestandenen Mittelbetrieb übertragen?

Nicht umsonst mehren sich inzwischen die Stimmen, die vor den "Rattenfängern von Digitalien" warnen: Fragwürdige Gurus und selbsternannte Experten, die Vorständen im Sturm der Digitalisierung Halt versprechen – nicht selten mit gut klingenden, aber reichlich unausgegorenen Ideen. Noch viel schwerer wiegt, dass vielfach Antworten postuliert werden, obwohl noch nicht einmal die Frage hinreichend geklärt ist. Wenn Holacracy die Lösung ist, was genau war eigentlich das Problem? Und lässt sich dieses Problem tatsächlich am besten durch eine Reorganisation lösen?

Mut statt Vorsicht

Dass die Deutungshoheit über diesen Strudel der Veränderung nicht mehr in der Chefetage angesiedelt ist, ist für viele Manager ein schmerzhaftes Eingeständnis, das an den Grundfesten dessen rüttelt, was Führung ausmacht. Sie führt auf unsicheres Terrain, indem sie die Frage nach der eigenen Rolle und sogar nach dem eigenen Daseinszweck stellt. Der digitale Wandel findet statt. Und er verändert unsere Arbeitswelt tiefgreifend. Sollen Unternehmen den Anschluss an die digitale Zukunft nicht verlieren, sind klare Entscheidungen und energische Schritte in allen Bereichen gefragt. Mut, nicht übertriebene Vorsicht, stärkt die Widerstandskraft von Unternehmen. Fordernde Zeiten sind ein fruchtbarer Boden für frische Ideen, wir leben in einer geradezu prototypischen Aufbruchszeit. Auch wenn es paradox klingt: Es ist gerade jetzt vernünftig, mutig zu sein.

Die gute Nachricht lautet: Selbst in so manchem scheinbar schwerfälligen Dinosaurier schlummern hoch bewegliche, innovative Kräfte. Wenn die Zukunft im Unternehmen fordernd, aber nicht bedrohlich wirkt und wenn Handlungsspielräume vorhanden sind, finden sich Menschen, die diese Freiheit gestalterisch nutzen wollen und Appetit auf Risiko haben. Für sie sind herkömmliche Hierarchien und Karrierepfade oft schlecht geeignet. Unternehmen müssen also ein gewisses Maß an Ordnung aufgeben, wenn sie Mut fördern wollen. Dazu braucht es echte Führungskräfte, Gestalter – nicht nur Verwalter. Ist das nicht wunderbar? Am Ende machen wir Menschen den Unterschied im Vergleich zu Robotern.

Dieser Text ist Teil unseres Specials "Nur Mut! - Ideen für das Geschäft von morgen", das bei uns als kostenfreies E-Paper erhältlich ist.

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