Service-Bund / Coronakrise

„Versorgungssicherheit ist in Gefahr“

Ulfert Zöllner ist seit 18 Jahren Geschäftsführer des Service-Bund.
Service-Bund
Ulfert Zöllner ist seit 18 Jahren Geschäftsführer des Service-Bund.

Ulfert Zöllner führt seit 18 Jahren als Geschäftsführer den Service-Bund an, ein Zusammenschluss von mehr als 30 deutschen mittelständischen Fachgroßhändlern mit knapp 40 Standorten bundesweit. Der Manager spricht im Interview mit FOOD SERVICE über die massiven Folgen des Shutdowns – und sagt, was jetzt passieren muss, damit am Ende die Lebensmittel-Versorgung von Gastronomie, Hotellerie und Gemeinschaftsgastronomie nicht zusammenbricht.

Wie haben Sie den Shutdown Mitte März erlebt?
Ulfert Zöllner: Für uns war es eine Katastrophe. Es galt in der ersten Woche, die leicht verderblichen Waren wie Obst und Gemüse und andere verderbliche Waren möglichst schnell über andere Kanäle zu verkaufen bzw. schlichtweg vor dem Vergammeln zu retten. Wir haben Rampen- und Abverkäufe gemacht, unsere Waren kurzfristig an den regionalen Einzelhandel geliefert und über die Lebensmittelretter-Plattform „Too Good To Go“ abgegeben. Dennoch konnten wir nicht alle Waren retten und der Schaden ist gigantisch für unsere mittelständisch aufgestellten Lebensmittel-Fachgroßhändler. Viele bangen in diesen Tagen um ihre Existenz.
In welcher Lage stecken die Gesellschafter konkret?
Unsere kleinen und mittelgroßen Unternehmen machen einen jährlichen Umsatz von 15 bis 200 Millionen Euro im Jahr. Durch den Shutdown bleiben derzeit nur 10 bis 20 Prozent vom normalen Umsatz übrig. Lkws müssen abgemeldet und Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt werden und natürlich kommt es sofort zu Liquiditätsproblemen, die unsere Gesellschafter ohne weitreichende Hilfen der Politik alleine nicht stemmen können. Es reicht nicht aus, was aktuell von der Bundesregierung auf den Weg gebracht wird. Gleichzeitig kämpfen viele Gastronomen, Caterer und Betriebsverpfleger derzeit ums pure Überleben. Im Klartext: Mit jedem Tag, den der Shutdown weiter anhält, müssen mitunter immer mehr unserer Kunden Insolvenz anmelden. Es braucht dringend mehr finanzielle Unterstützung, sonst bricht unser System zusammen.

Was fordern Sie von der Bundesregierung?
Ähnliche Maßnahmen wie in Dänemark. Dort übernimmt die Regierung für kleine Betriebe, wie Restaurants, Hotels, Betriebsgastronomie, Friseure oder Blumenläden die Fixkosten inklusive Mieten ab einem bestimmten Umsatzverlust für drei Monate. So wird gewährleistet, dass die Betriebe, eben auch unsere Kunden, nicht unverschuldet in Insolvenz geraten. Gleiches fordern wir von der Bundesregierung – und zwar möglichst schnell. Der Kreislauf muss von unten in Gang gehalten werden.

Was meinen Sie damit?
Wir müssen dafür sorgen, dass gerade unsere vielen kleinen und mittelständischen Betriebe gut durch die Krise kommen. Sie sind die Basis für eine funktionierende Wirtschaft. Bricht diese Basis weg, sind die Folgewirkungen gigantisch. Auch wir würden dann unsere Existenzgrundlage verlieren. Leider fokussiert sich derweil alles auf den Lebensmitteleinzelhandel, eine gefährliche Entwicklung. Die Politik schaut aktuell nur darauf, wie die Supermarktregale gefüllt bleiben.

Wieso sehen Sie die jetzige Fokussierung der Politik auf den Lebensmitteleinzelhandel als Gefahr an?
Fakt ist, dass noch nie so viele Menschen in Deutschland zu Hause waren. Es finden keine Reisen mehr statt, keine Essen in Restaurants, die Kinder sind zu Hause und man selbst arbeitet im Homeoffice. Die kompletten Waren fließen deshalb in die Supermärkte und Discounter, um den enormen Bedarf für das Kochen zu Hause abzudecken.
Gleichzeitig geraten jedoch immer mehr Großhändler für den Außer-Haus-Markt in Schieflage und müssen womöglich demnächst Insolvenz anmelden. Darauf schaut die Politik überhaupt nicht. Ein fataler Fehler, denn wenn ein großer Teil der Lebensmittel-Fachgroßhändler nicht überlebt, ist die Versorgung vieler Restaurants, Kantinen, Senioreneinrichtungen und auch Krankenhäuser nach der Krise nicht mehr gesichert. Denn der Lebensmitteleinzelhandel ist definitiv nicht so aufgestellt, dass er den Foodservice-Markt mit abdecken könnte. Die Politik darf deshalb weder Gastronomen noch den Fachgroßhandel pleite gehen lassen.

Ihr Appell an die Politik?
Die Bunderegierung muss wie bereits angeführt die gesamten Fixkosten zumindest für drei Monate für die Gastronomiebetriebe übernehmen. Das würde viel Druck rausnehmen. Die Angst um die eigene Existenz ist doch lähmend. Gleichzeitig fordern wir, endlich den Mehrwertsteuersatz in der Gastronomie auf 7 Prozent zu senken. Eine langjährige Forderung, die endlich erfüllt werden muss.

Herzlichen Dank für das Gespräch.


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