Verbraucher Initiative / Studie

Tierwohl – relevant, aber nicht maßgeblich

Aus tierfreundlicher Haltung, dafür gern ein bisschen weniger Fleisch. Die Verbraucher Initiative gibt Empfehlungen, wie sich mehr Tierwohl in der Gemeinschaftsverpflegung durchsetzen lassen könnte.
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Aus tierfreundlicher Haltung, dafür gern ein bisschen weniger Fleisch. Die Verbraucher Initiative gibt Empfehlungen, wie sich mehr Tierwohl in der Gemeinschaftsverpflegung durchsetzen lassen könnte.

Tierische Produkte aus artgerechter Haltung in der Kantine? Betriebsgastronomen wünschen sich klare Informationen und Vorgaben. Die Verbraucher Initiative hat dazu eine Studie in Auftrag gegeben und aus dem Status quo Handlungsempfehlungen abgeleitet.

"Für tierfreundliche Produkte ist in den Kantinen noch deutlich Luft nach oben", resümiert die Verbraucher Initiative. Sie gab beim Marktforschungsinstitut Nielsen eine Studie in Auftrag, um zu klären, wie Großverbraucher Fleisch aus artgerechter Haltung einsetzen. Das Ziel der Studie: Aufzeigen, wie die Quote durch Vorgaben und Weiterbildung erhöht werden könnte?

Richtlinien und Kenntnisse fehlen

Der Umfrage unter 100 Betriebsgastronomen zufolge hält die Hälfte (54 %) mehr Tierwohl für erstrebenswert. Jedoch fragt nur ein Drittel beim Lieferanten nach der Haltungsform, genauso viele – oder wenige – setzen bis zu 40 Prozent Produkte aus tierfreundlicher Haltung ein. Nur 38 Prozent geben an, überhaupt klare Angaben für den Erwerb tierfreundlicher Produkte vom Arbeitgeber zu erhalten.

Insgesamt schätzen weniger als die Hälfte der Befragten (45 %) ihren Einfluss auf die Entwicklung einer verbesserten Nutztierhaltung hoch oder sehr hoch ein. Die meisten sehen zudem andere in der Verantwortung, die Umsetzung voranzutreiben: Einerseits müssten Gäste und Kunden ihr Konsumverhalten ändern und bereit sein, mehr zu zahlen. Andererseits sollte der Gesetzgeber klare Regeln definieren, eindeutig in die Breite kommunizieren und finanzielle Anreize schaffen bzw. fördern.

Was müsste sich Ihrer Meinung nach ändern, damit Sie Ihr Angebot auf Fleisch und tierische Produkte aus artgerechter Haltung umstellen bzw. weiter ausbauen? (in Prozent, Quelle: Nielsen, 828 Studie zu Tierwohl in Kantinen, n=100)
Verbraucher Initiative
Was müsste sich Ihrer Meinung nach ändern, damit Sie Ihr Angebot auf Fleisch und tierische Produkte aus artgerechter Haltung umstellen bzw. weiter ausbauen? (in Prozent, Quelle: Nielsen, 828 Studie zu Tierwohl in Kantinen, n=100)
"Verbindliche Zielvorgaben verbunden mit einer Beteiligung an den Mehrkosten von tierfreundlichen Produkten könnten Abhilfe schaffen", lautet das Fazit der Erhebung, aus der der Verband konkrete Handlungsempfehlungen an die verschiedenen Akteure ableitet:
Handlungsempfehlungen
Die Minimalforderung liegt für die Verbraucher Initiative bei Haltungsstufe 2. So fordert sie unter anderem von …

…der Politik:
  • konkrete Aufforderung an Gemeinschaftsverpfleger, ihr Angebot auf tierfreundliche Produkte umzustellen bzw. auszubauen
  • verbindliche Ausschreibungs- und Vergabegesetze bzgl. tierischer Erzeugnisse
  • Vorgabe, Menüs nach Tierwohlniveau und Transparenz zu kennzeichnen
  • finanzielle Unterstützung für die Kommunikation zwischen Erzeugern, NGOS und Kantinen
  • Weiterbildungs- und Beratungszentren für Großküchen nach dem Modell "House of Food" (Kopenhagen) bzw. "Kantine Zukunft" in Berlin
… der Gemeinschaftsverpflegung der Öffentlichen Hand sowie Unternehmen mit Betriebsgastronomie
  • Verwendung tierfreundlicher Erzeugnisse
  • hausinterne, überprüfbare Zielvorgaben
  • kleinere Fleischportionen
  • Kommunikationsmaßnahmen zu Tierwohl und QM
  • Beteiligung an den Mehrkosten
… Caterern
  • interne Leitlinien für die Beschaffung von Produkten aus tierfreundlicher Haltung
  • Kommunikationsmaßnahmen gegenüber Personal und Gästen
  • langfristige, regionale Partnerschaften mit Erzeugern und Lieferanten
  • Quersubventionierung
Von Lieferanten fordert der Verband einen Ausbau des Angebots an möglichst regionalen Erzeugnissen aus tierfreundlicher Haltung – mind. Stufe 2. Und auch Landwirte müssten sich engagieren wie z.B. durch ITW-Zertifizierung, direkte Partnerschaften mit Abnehmern wie Kantinen oder Lieferanten und transparente Kommunikation.
Laut der Umfrage aus dem November und Dezember 2019 haben etwa 80 Prozent der Unternehmen mit Betriebsverpflegung bislang keine Kriterien für die Beschaffung von Produkten aus tierfreundlicher Haltung aufgestellt und planen dies auch nicht. Etwa 20 Prozent der Unternehmen ohne Festlegungen möchten erst ab dem Jahr 2022 beginnen, tierfreundliche Produkte gezielt einzuführen. Gründe dafür seien das Preisleistungsverhältnis gepaart mit einem zu geringen Budget für die Küche. Deutlich aufgeschlossener seien Anbieter und Gäste jedoch gegenüber dem Faktor Regionalität. 70 Prozent der Befragten gaben an, dass das Thema für ihren Arbeitgeber relevant oder sehr relevant sei. Indem man Tierwohl mit Regionalität verknüpfe, könne man womöglich auch in Kantinen mehr Akzeptanz für tierfreundlichen Konsum erzeugen, glauben die Auftraggeber der Studie. Noch herrsche große Unsicherheit bezüglich der Kriterien für eine verbesserte Tierhaltung. Nun gehe es darum, die Einzelinteressen in der Fleischwertschöpfungskette zusammenzuführen und eine kohärente Strategie für mehr Tierwohl auch in der Betriebsgastronomie zu entwerfen und umzusetzen.

Verbraucher Initiative
Die Verbraucher Initiative setzt sich seit 1985 für mehr Tierwohl ein und will alle Akteure von Politik über Erzeuger und Tier- und Umweltschützer bis zu Verbraucherverbänden, Handel und Gastronomie zusammenbringen. 2018 veröffentlichte der Verband die Studie "Tierwohl in der Nutztierhaltung – Standards und Perspektiven" und registrierte bei allen wichtigen Akteuren hohe Resonanz – ausgenommen Gastronomie und Gemeinschaftsverpflegung. Um die Betriebsgastronomie in die Tierwohl-Debatte einzubinden, hat das Marktforschungsinstitut Nielsen die Befragung "Einsatz von Fleisch aus artgerechter Haltung bei Großverbrauchern" zwischen November und Dezember 2019 unter 100 Verantwortlichen in öffentlichen und privaten Kantinen durchgeführt. Zudem hat die Verbraucher Initiative bestehende Labels verglichen und Experten nach den Herausforderungen befragt, wie Verbrauchern der tierfreundliche Einkauf erleichtert werden könnte. Die Ergebnisse stehen zum Download auf www.verbraucher.org bereit.


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