Zucker-Konsum

Weniger bitte - aber...

Im Überfluss: Pro Jahr verzehrt jeder Deutsche knapp 34 Kilogramm Zucker.
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Im Überfluss: Pro Jahr verzehrt jeder Deutsche knapp 34 Kilogramm Zucker.

Zucker, Fett, Salz - von allem essen wir zu viel, warnen immer mehr Gesundheitsexperten. Der Ausweg: konsequentes Umerziehen auf allen Kanälen, vom Hersteller über den Handel bis zum Konsumenten. Doch wer will das wirklich?

Dieser Text ist Teil unseres Specials "Nur Mut! - Ideen für das Geschäft von morgen".

Darum zu wissen und danach zu handeln: Das sind oft zwei Paar Schuhe. Längst nicht immer geht das eine mit dem anderen einher. Nachdem immer öfter und lauter davor gewarnt wird, dass zu viel Zucker, Fett und Salz krank machen können: Wie wirkt sich das auf die deutschen Verbraucher aus? Beeinflusst die "Unbedingt weniger"-Diskussion, was sie kaufen und essen, worauf sie achten? Erkennen und akzeptieren sie Lebensmittel mit sparsamer dosierten Geschmacksträgern? Die Ergebnisse der aktuellen Studie der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) legen ein eindeutiges "Ja – aber" nahe: Ja, die Konsumenten haben das Thema im Blick und ihnen ist auch bewusst, dass sich etwas ändern sollte. Aber nicht um jeden Preis. Zucker steht bei vielen dabei offenbar stärker im Fokus als Salz und Fett.

So gaben knapp 60 Prozent der befragten Frauen und Männer an, sie versuchten bewusst, weniger Zucker zu essen. 45 Prozent haben schon mal ein Produkt links liegen gelassen, weil ihnen der Zuckergehalt zu hoch war. Aber lediglich 22 Prozent der Befragten würden ein Produkt kaufen, wenn weniger süß weniger lecker zur Folge hätte. Gingen der reduzierte Salz- oder Fettgehalt zulasten des Geschmacks – das Lebensmittel landete nur noch bei 19 respektive 17 Prozent im Einkaufswagen. Und mehr kosten dürfte das zucker-, salz- oder fettoptimierte Produkt auch nicht. Theoretisch darf es also gern gesünder sein, praktisch wollen wir deshalb aber kaum Abstriche hinnehmen.

Zu viele Kalorien machen krank

Dabei ist es höchste Zeit, auf die Bremse zu treten, schlagen Gesundheitsexperten Alarm. Jeder Deutsche verzehrt im Jahr rund 34 Kilogramm Zucker, also knapp 100 Gramm am Tag – viermal mehr, als die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt. Nämlich gerade mal sechs gestrichene Teelöffel, tatsächlich kommen wir aber auf mehr als 20. Und das hat Folgen. Zwei Drittel der deutschen Männer und etwas mehr als die Hälfte der Frauen sind übergewichtig, meldet das Robert-Koch-Institut. Bereits rund 15 Prozent der Kinder und Teenager zwischen drei und 17 Jahren bringen zu viel auf die Waage, fast 6 Prozent sind fettleibig. Damit hat sich der Anteil adipöser Heranwachsender in den vergangenen 30 Jahren verdoppelt. Deutlich gestiegen ist auch die Zahl der Diabetes-Erkrankungen – ein Plus von 24 Prozent seit Beginn des Jahrtausends. Das entspricht knapp 1.000 Neuerkrankungen am Tag. Einer der Gründe dafür, so Ärzte und Fachverbände, sei eine zu kalorienreiche Ernährung, häufig von klein auf.
Auch eine Folge der kalorienreichen Ernährung: Diabetes-Erkrankungen nehmen in Deutschland zu.
Pixabay
Auch eine Folge der kalorienreichen Ernährung: Diabetes-Erkrankungen nehmen in Deutschland zu.

Schluss mit der Subvention

"Schluss mit der Subvention von Kakao und anderen zuckerhaltigen Getränken an Schulen!", verlangt die Verbraucherorganisation Foodwatch deshalb. Die Extraportion Zucker solle nicht auch noch mit Steuergeld aus dem EU-Schulprogramm bezuschusst werden. Nach dessen jüngster Reform hatte die Europäische Union schließlich festgeschrieben, nur noch Produkte zu fördern, denen möglichst kein Zucker zugesetzt wurde. Die Mehrheit der Bundesländer ist bereits auf Linie. Zuletzt hatte Hessen den Kakao aus dem geförderten Angebot genommen. Ausnahmen machen weiterhin Nordrhein-Westfalen, Berlin und Brandenburg. Erdbeer- und Vanillemilch werden seit dem neuen Schuljahr im größten deutschen Bundesland zwar nicht mehr subventioniert. An einem Kakaodrink, der zuckerreduziert ist, will die schwarz-gelbe Landesregierung allerdings festhalten. Er sei für die Kinder wichtig, die ohne Frühstück zur Schule kommen und für Milch pur nicht zu begeistern sind, argumentiert das Verbraucherschutzministerium.

Zuckersteuer - ja oder nein?

Besser gezuckerte Milch als gar keine? Hanebüchen, findet Foodwatch. Mit ihrem Appell, endlich mehr gegen Fehlernährung zu tun, ist die Verbraucherschutzorganisation nicht allein. Mehr als ein Dutzend Ärzteverbände und Fachgesellschaften hat sie inzwischen auf ihre Seite gebracht. Die Forderungen des Bündnisses, formuliert in einem offenen Brief an die Bundesregierung: Neben verbindlichen Standards für die Verpflegung in Schulen und Kitas soll eine Nährwertampel eingeführt werden. Rot, gelb oder grün – so werde auf den ersten Blick klar, wie gesund oder ungesund ein Produkt ist. Schluss sein soll dagegen mit Werbespots für überzuckerte und fettige Kinderprodukte. Und mit steuerlichen Anreizen möchte man es Herstellern schmackhaft machen, gesündere Rezepte zu entwickeln.

Am wirksamsten wäre eine Zuckersteuer, sind Experten und Verbraucherschützer überzeugt. Die Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft Julia Klöckner hält davon genauso wenig wie ihr Kollege Gesundheitsminister Jens Spahn. Steuern seien hier nicht der richtige Weg, argumentiert er. Sie würden die Falschen treffen. Klöckner trommelt dafür, ganzheitlicher an die Sache heranzugehen. Derzeit feilt sie an einer "Nationalen Reduktionsstrategie für Zucker, Fett und Salz in Fertigprodukten". Statt Herstellern und Handel regulierende Maßnahmen aufzuzwingen, sollen sie freiwillig Teil der Lösung sein.
Die Organisation Foodwatch fordert zuckerhaltige Getränke aus Schulen zu verbannen.
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Die Organisation Foodwatch fordert zuckerhaltige Getränke aus Schulen zu verbannen.

So hat sich die Ernährungsindustrie jüngst verpflichtet, ab 2019 den Gehalt an Zucker, Fetten und Salz in Fertigprodukten zu reduzieren. Die ersten Protagonisten sind schon vorgeprescht, ob Discounter, Kekshersteller oder Fruchtgummiproduzent. Am weitesten scheint Aldi Süd zu sein. Nach eigenen Angaben hat die Supermarktkette mittlerweile die Rezepte von mehr als 300 Produkten seiner Eigenmarken reformuliert. "Freiwillig" klingt zwar gut, bringt aber kaum etwas, hält das Ärztebündnis dagegen. Und auch die WHO plädiert für eine Zuckersteuer in Höhe von mindestens 20 Prozent. Erfahrungen in Ländern wie Frankreich, Mexiko und seit Anfang des Jahres auch Großbritannien zeigen: Die bringt wirklich etwas. Um bis zu 50 Prozent reduziert haben Hersteller und Händler dort zum Beispiel die Zuckermenge in ihren Erfrischungsgetränken, damit sie um die Abgabe herumkommen.

Eine Zuckersteuer in Deutschland einzuführen, würde übrigens eine knappe Mehrheit der Deutschen ablehnen. Das hat 2016 eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov im Auftrag von Foodwatch ergeben. Stattdessen wünschen sich zwei Drittel der Befragten, dass der Zuckergehalt von Lebensmitteln besser gekennzeichnet wird. Ob das am Ende tatsächlich ihre Kaufentscheidung beeinflussen würde? Das zeigt sich wohl erst in der Praxis. Dieser Text ist Teil unseres Specials "Nur Mut! - Ideen für das Geschäft von morgen", das bei uns als kostenfreies E-Paper erhältlich ist.




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