Besser vorbeugen

Schädlinge führen oft zu erheblichen wirtschaftlichen Verlusten, denn die befallenen Lebensmittel sind Ekel erregend und zum menschlichen Verzehr nicht geeignet. Dabei wird häufig übersehen, dass Schädlinge vielfach auch Überträger von Mikroorganismen sind dass durch das befallene (kontaminierte) Lebensmittel Erkrankungen hervorgerufen oder sogar Gesundheitsschädigungen eintreten können. Unser Experte Prof. Dr. Lutz Bertling berichtet aus der Praxis und gibt wichtige Tipps. Schädlingsbekämpfung war früher eine Reaktion auf das Vorkommen von Schädlingen bzw. dem Befall durch Schädlinge. Heute ist systematische präventive Bekämpfung unabdingbarer Teil guter Hygienepraxis, denn regelmäßige Schädlingsbekämpfung ist im Rahmen der Eigenkontrolle (HACCP-Grundsätze kritischer Punkt) unbedingt erforderlich. Aus der Verordnung (EG) Nr. 852/2004 über Lebensmittelhygiene vom 29. April 2004, die am 1. Januar 2006 angewendet wird, geht hervor, welchen Stellenwert der Schädlingsbekämpfung eingeräumt wird. Im Anhang I Teil A Ziffer 4f heißt es: „Die Lebensmittelunternehmer, die Tiere halten, ernten oder jagen oder Primärerzeugnisse tierischen Ursprungs gewinnen, müssen die jeweils angemessenen Maßnahmen treffen, um Kontaminationen durch Tiere und Schädlinge soweit wie möglich vorzubeugen.“ Von Lebensmittelunternehmen, die Pflanzenerzeugnisse gewinnen, erzeugen und herstellen oder ernten, wird ebenfalls verlangt, dass sie angemessene Maßnahmen treffen, um Kontaminationen durch Tiere oder Schädlinge soweit wie möglich zu verhindern (Ziffer 5c). Hier wird sogar gefordert, dass über die aufgetretenen Schädlinge und Krankheiten, die die Sicherheit von Erzeugnissen pflanzlichen Ursprungs beeinträchtigen könnten, Buch geführt werden muss (Ziffer 9b). Bei den Empfehlungen für die Erstellung von Leitlinien für eine gute Hygienepraxis wird auch in der oben angegebenenVerordnung neben einer gründlichen Reinigung die Schädlingsbekämpfung aufgeführt (Anhang I Teil B Ziffer 2h). Im Anhang II der vorgenannten Verordnung heißt es zu diesem Thema: „Betriebsstätten, in denen mit Lebensmitteln umgegangen wird, müssen so angelegt, konzipiert, gebaut, gelegen und bemessen sein, das gute Lebensmittelhygiene, inklusive Schutz gegen Kontaminanten, insbesondere Schädlingsbekämpfung, gewährleistet ist (Kapitel I Ziffer 2c).“ Bei Betriebsstätten und Verkaufsautomaten wird verlangt, dass sie – soweit praktisch durchführbar – so gelegen, konzipiert und gebaut sein müssen und sauber und instand gehalten werden, dass das Risiko der Kontamination insbesondere durch Tiere oder Schädlinge vermieden wird (Anhang II Kapitel III Ziffer 1). In Kapitel IX Ziffer 4 des erwähnten Anhangs II heißt es bei den Vorschriften für Lebensmittel: „Es sind geeignete Verfahren zur Bekämpfung von Schädlingen vorzusehen .....“ So schreibt die Fleischhygiene-Verordnung bei der Beschaffenheit und der Ausstattung der Räume vor: „Es müssen geeignete Vorrichtungen zum Schutz von Ungeziefer wie Insekten oder Nagetiere (Anlage 2 Kapitel I Ziffer 3.1) vorhanden sein.“ In den sonstigen allgemeinen Vorschriften für Personaleinrichtungsgegenstände und Arbeitsgeräte wird außerdem gefordert: „Ungeziefer sind genau so wie Insekten und Nagetiere systematisch zu bekämpfen (Kapitel II Ziffer 2.2).“ Lagerräume und Lagerplätze für Verpackungs- oder Umhüllungsmaterialien müssen wirksam gegen Staub und Ungeziefer geschützt sein (Kapitel VIII Ziffer 2). Ähnliche Forderungen bezüglich der Schädlingsbekämpfung sind in der Geflügelfleischhygiene-Verordnung festgeschrieben. Für die Beschaffenheit und Ausstattung der Räume gilt, dass geeignete Vorrichtungen zum Schutz gegen Nagetiere, Insekten und anderes Ungeziefer vorhanden sein müssen (Anlage 2 Kapitel I Ziffer 4.1). Geflügelfleisch darf nur so gewonnen, zubereitet und behandelt werden, dass es weder unmittelbar noch mittelbar durch tierische Schädlinge und Schädlingbekämpfungsmittel nachteilig beeinflusst wird (Kapital II Ziffer 10). Auch hier kommt die Auflage zum Tragen, dass die Lagerräume und -plätze für Verpackungs- und Umhüllungsmaterialien wirksam gegen Staub und Ungeziefer geschützt werden (Kapitel XIII Ziffer 2.9). Die Fischhygiene-Verordnung schreibt vor, dass die Lagerräume, soweit erforderlich, von Ungeziefer befreit werden müssen (Anlage 1 Kapitel II Ziffer 2.5). In Bezug auf die Räume und Aussattung wird verlangt, dass unerwünschte Tiere fern zu halten sind. Nager und Insekten müssen systematisch bekämpft werden. Bei der Anwendung physikalischer oder chemischer Verfahren zur Schädlingsbekämpfung ist darauf zu achten, dass die erforderliche Wirkung erzielt wird und dass das angewandte Verfahren die Fischereierzeugnisse nicht nachteilig beeinflusst. Auch für Fischereierzeugnisse und Muscheln gilt, dass sie nicht bei Bearbeitung und Verarbeitung durch tierische Schädlinge und Schädlingsbekämpfungsmittel nachteilig beeinflusst werden dürfen (Kapitel V Ziffer 7 und Anlage 2 Kapitel IV Ziffer 5). Durch diese zitierten Rechtsvorschriften wird dokumentiert, wie wichtig die Schädlingsbekämpfung ist, zumal diese Vorschriften keineswegs den Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Auch der Normenausschuss Lebensmttel und landwirtschaftliche Produkte (NAL) im Deutschen Institut für Normung e.V. (DIN) hat sich des Themas angenommen. In der DIN 10 523 ’Lebensmittelhygiene – Schädlingsbekämpfung im Lebensmittelbereich’ (zu beziehen über Beuth Verlag GmbH, 10772 Berlin) wurde im Juni 2005 nieder gelegt, wie unter Berücksichtigung einer guten Hygienepraxis die Schädlingsbekämpfung durchgeführt werden sollte. Es ist zwar richtig, dass die DIN keine gex setzlichen Bestimmungen darstellen, aber sie geben die gute Hygienepraxis wieder, da es sich hier um ein absolut kompetentes Gremium handelt, von dem diese Normen erarbeitet wurden. Der Verantwortliche im GV-Bereich bzw. der Lebensmittelunternehmer – wie er heute heißt – kann sich anhand dieser DIN davon überzeugen, ob die Schädlingsbekämpfung in seinem Bereich ordnungsgemäß durchgeführt wird bzw. von einem Spezialbetrieb durchgeführt wurde und im Gespräch mit dem Schädlingsbekämpfer betriebsspezifische Probleme aufzeigen. Zur Bekämpfung der Schadorganismen stehen physikalische, biologische und chemische Verfahren zur Verfügung.
  • Zu den physikalischen zählt man die thermischen (Hitze und Kälte), die optischen (UV) und die mechanischen Verfahren (Fallen, Tötung, Lebendfang, Absaugen). Auch zählen zu dieser Kategorie bestimmte Elektro- und Druckverfahren.
  • Zu den biologischen Verfahen zählt man die Methoden, bei denen die Schädlinge durch gezielten Einsatz und Förderung von lebenden natürlichen Feinden und angepassten Lebewesen (außer Mikroorganismen und Pilze) bekämpft werden, wobei die Lebewesen ihrerseits die Lebensmittel nicht beeinflussen dürfen.
  • Unter chemischen Verfahren versteht man solche, die unter Einsatz von auf chemischen Wegen oder durch Zerkleinerung oder Auszüge aus natürlicher Materie gewonnenen Stoffen angewendet werden. Diese Stoffe wendet man einzeln oder in Kombination gegen bestimmte Schädlinge zum Zwecke der wirksamen Abwehr oder zur Tilgung der durch sie erzeugten nachteiligen Einflüsse an.
Den chemischen Verfahren stehen gleich solche Verfahren, in denen Mikroorganismen, Viren oder Pilze mit entsprechender biozider Wirkung und Bestimmung zum Einsatz kommen, gegenüber. Diese Verfahren sind dem Biozidgesetzt unterworfen. Die DIN 10 523 enthält in einer umfangreichen Auflistung die Kriterien zur Auswahl chemischer Schädlingsbekämpfungsverfahren.Die zu beachtenden Kriterien sind:
  • Schädlingsart, Entwicklungsstadium und Verhalten der Schädlinge sowie Anwendungsort.
  • Die Vermeidung nachteiliger Beeinflussung von Lebensmitteln, Bedarfsgegenstände und Geräte.
  • Der Schutz des Anwenders bei der Mittelausbringung und Schutz der Nutzer der Räume und Gegenstände.
  • Die Wahrung eines vertretbaren Gesamtaufwandes.
In der DIN sind eine Vielzahl von Faktoren aufgeführt, die Einfluss auf diese Kriterien haben. Bei den Bekämpfungsmaßnahmen mittels chemischer Verfahren wird zwischen Selbstverdampfung, Heißnebel, Kaltnebel, sprühen, räuchern, streichen, pudern, schäumen sowie Ködern (Fraß- und Trinkköder) unterschieden. In der Regel führt die Kombination von mehreren Verfahren zum optimalen Erfolg, d.h. die Maßnahmen ergänzen sich. Zum Beispiel: UV-Lockfallen (physikalisches Verfahren), kombiniert mit dem Einsatz von Insektiziden gegen Fluginsekten oder Erwärmung des befallenen Gebietes zur Mobilitätssteigerung der Schädlinge (physikalisches Verfahren), wiederum kombiniert mit dem Einsatz von Insektiziden. Ein weiteres Kombinationsverfahren wäre folgende Kombination: Überwachung eines Warenlagers mit Phiromonfallen (Lockstoffe), kombiniert mit der Entfernung bzw. Tiefkühlung befallener Waren und Behandlung der befallenen Räume mit Insektiziden. Eine Dokumentation ist angezeigt und sollte immer folgende Punkte enthalten:
  • Art der Maßnahmen (Prävention oder Bekämpfung) und Art der Schädlinge
  • eingesetzte Mittel und Verfahren
  • Einsatz in der Betriebsstätte
  • Häufigkeit der Kontrollen (Wiederholung)
  • Ergebnisse der Maßnahmen
  • Zuständigkeiten.
Es ist unbedingt erforderlich, dass die Schädlingsbekämpfungmaßnahmen mit Reinigungs- und Desinfektionsmaßnahmen abgestimmt werden, denn grundsätzlich sollen die notwendigen Desinfektionen erst nach Ablauf der Einwirkungszeiten der Schädlingsbekämpfungsmittel durchgeführt werden. Danach erfolgt die Reinigung des Zielobjektes. Eine Mischung von Schädlingsbekämpfungs- und Desinfektionsmitteln bzw. gleichzeitige Anwendung ist häufig nicht sachgerecht, da es dazu führen kann, dass sich die Wirkungen der unterschiedlichen Wirk- und Hilfsstoffe gegenseitig aufheben. Es können die unterschiedlichen Einwirkzeiten die Wirksamkeit der Wirkstoffe erheblich beeinträchtigen. Um dem kritischen Punkt (Grundsätze des HACCP) Schädlingsbekämpfung genügen zu können, ist die Aufstellung eines betriebsspezifischen Schädlingsbekämpfungsplans unabdingbar. Die vorgenannte Norm sollte deshalb eigentlich in jedem Betrieb vorhanden und auch bekannt sein. Prof. Dr. Lutz Bertling



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