Kommentar aktualisiert

Im Bann des Blauen Riesen

Boris Tomic, Chefredakteur des Fachmagazins foodservice.
Salome Roessler
Boris Tomic, Chefredakteur des Fachmagazins foodservice.

Der jüngste Missbrauch von Facebook-Daten durch eine englische Analyse-Firma ist der Höhepunkt einer ganzen Reihe von Skandalen des blauen Riesen aus den USA im Umgang mit unseren Daten und er verunsichert die Community.

Daten von mindestens 70 Mio. Menschen wurden abgefischt und für eigene Zwecke verwendet. Der US-Kongress spricht über Facebook als „eine eigene Welt mit eigenen Gesetzen“. 
Auch deutsche User betroffen

Bei dem Datenskandal um Cambridge Analytica und Facebook sind wohl auch rund 310.000 Nutzer aus Deutschland betroffen. Zum Hergang: Der Entwickler einer Umfrage-App hatte Informationen von Nutzern an die englische Analysefirma Cambridge Analytica weitergereicht, die unter anderem für das Wahlkampfteam des US-Präsidenten gearbeitet hatte.
An der Umfrage hätten sich zwar lediglich 65 Nutzer aus Deutschland beteiligt, aber es ging nicht nur um deren Daten, sondern auch um die ihrer Facebook-Freunde, so dass insgesamt bis zu 310.000 Facebook-Mitglieder aus Deutschland betroffen sein könnten.

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg gelobt Besserung. Natürlich. Das hat die Firma in der Vergangenheit nach aufgedecktem Datenmissbrauch schon häufiger getan… in einem der raren Interviews des Facebook-Gründers dann aber kein Wort darüber, dass das Geschäftsmodell überdacht werden soll. Weiterhin werden Daten über das Verhalten der Nutzer gesammelt und an Firmen verkauft, die dann personalisierte Werbung schalten oder die Daten für Wahlkämpfe benutzen wie in dem aktuellen Skandal.

Hören wir aber nicht allenthalben, dass die Zukunft digital sei? Dass auch Gastronomen sich endlich vernetzen mögen? Die sozialen Netzwerke werden permanent als Heilsbringer unserer Branche angepriesen – auf Seminaren und in Vorträgen, auf Messen und in Foren heißt es, man gewinne dadurch mehr Reichweite, mehr Bekanntheit, mehr Frequenz und schlussendlich natürlich so auch mehr Umsatz. Und nicht selten argumentieren wir hier bei uns im Heft ebenso digital-affin: Facebook, Instagram, Xing oder Linked In werden häufig als Vehikel für eine glorreiche Zukunft  genannt.
Über 70 Mio. Geschädigte
Der Datenmissbrauch soll den aktualisierten Angaben zufolge vor allem Nutzer in den USA betreffen: Dort sieht Facebook potenziell 70,6 Millionen Betroffene. Auf Platz zwei folgen mit weitem Abstand die Philippinen mit nahezu 1,2 Millionen. In Großbritannien könnten es fast 1,1 Millionen sein.

Vielleicht ist es aber genau jetzt an der Zeit, über den Umgang mit sensiblen Daten noch einmal ganz intensiv nachzudenken. Hand aufs Herz – wen kann es wirklich wundern, dass eine Firma, die vor 14 Jahren einzig zu dem Zweck gegründet wurde, möglichst viele und möglichst genaue Daten von Usern zu sammeln, diese Daten dann auch gewinnbringend nutzt? Fast der gesamte Umsatz des Jahres 2017, rund 40 Mrd. Dollar, wurde durch den Verkauf eben solcher Daten in die Kassen des Unternehmens gespült.

Was also tun? Der inneren Überzeugung folgen und aus den Netzwerken flüchten? „Es ist Zeit, Facebook zu löschen“, twitterte wenige Tage nach dem aktuellen Skandal Brian Acton. Die Botschaft des WhatsApp-Gründers, der sein Nachrichtenprogramm vor nicht allzu langer Zeit an Facebook verkaufte, verbreitete sich rasant durch das Internet. Allein, kaum ein User zieht sich zurück. Man will dabei sein. In Deutschland haben 30 Mio. Bürger ein Profil, weltweit mehr als zwei Milliarden. Und kein Datenskandal der Vergangenheit hat daran etwas geändert.

Noch einmal: Was also tun? Nutzen Sie die Netzwerke weiter. Aber nutzen Sie sie bewusster. Größtmöglicher Nutzen bei möglichst geringer Datenpreisgabe. Das fängt bereits bei den Basisdaten  im eigenen oder geschäftlichen Profil an: Unter dem Reiter ‚Info‘ kann man diese anpassen. Hier sollten Nutzer sich fragen: Sollte Facebook das wissen? Und wenn ja, wer soll noch darauf zugreifen dürfen? Jeder? Oder nur Facebook-Freunde?

Die größte Hoffnung und Verantwortung aber liegt auf den Schultern unserer Politiker. In Europa tritt Anfang Mai die neue Datenschutzgrundverordnung in Kraft. Dann können Behörden bis zu vier Prozent des Jahresumsatzes als Geldstrafe verhängen, wenn Regeln gebrochen werden. Hier geht es um Milliardensummen. Davon wird sich auch der blaue Riese aus den USA beeindrucken lassen.

Artikel aktualisiert am 5. April, 10.15 Uhr



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