Kommentar

Von wegen König

TW Klein

Kürzlich flatterte ein Infoblatt auf meinen Schreibtisch, das mich regelrecht verblüffte. Abgebildet waren die Logos zweier multinationaler Großkonzerne von bekannten Markenartikeln. Die Headline lautete: „Gut zu wissen – Warum verschwinden Produkte von diesen Firmen aus der Kantine?“

Wer sich diese Frage stellt, bekommt hier die „dunkle Seite“ der beiden Konzerne zu sehen. Aufgelistet werden jeweils acht Punkte mit Stichworten wie „Unfaire Arbeitsbedingungen für die Milchbauern (Milchkrise), Mitverursachen des Fischsterbens im nahegelegenen Fluss“. Oder „Ausbeutung armer Länder, Kinderarbeit auf Kakaoplantagen...“ Link und Filmtipp über die Praktiken inklusive. Der Hinweis endet mit dem Satz: „Deshalb hat der Betriebsrat mit der Kantinenleitung vereinbart, dass diese Marken zukünftig nicht mehr in unserer Kantine verkauft werden. Dein Betriebsrat.“ Demnach scheint es zu stimmen, was Thomas Walter, Gastronomie-Chef der R+V Versicherung, feststellte: „Der Gast ist nicht mehr König, er ist Diktator.“

Moral und Ethik spielen mit

Was dieses Beispiel so anschaulich vorführt, ist die Macht der Verbraucher oder besser Betriebsräte, die das Wort Verantwortung offensichtlich sehr ernst nehmen. Dahinter steckt eine neue Dimension von Verbraucherschutz, wie wir sie bisher so nicht kannten. Dass die Auslistung von Waren etwa wegen fehlender Qualität, unattraktiver Konditionen oder – meist verbreitet – zu hoher Preise erfolgt, wäre ein normaler Vorgang. Dass es aber wegen gesellschaftlicher, umweltpolitischer oder sonstiger Verfehlungen zu solchen Konsequenzen kommt, sollte alle nachdenklich machen, die Gastzufriedenheit immer noch über ihre Essenszahlen definieren. Das war wohl gestern.

Was den Gast ganz offensichtlich zufriedener macht, geht weit über die sensorischen Eigenschaften der Speisen hinaus. Der mündige Konsument interessiert sich heute nicht nur für die Herkunft der Ware und deren Transportweg samt Klimabilanz und Co2-Fußabdruck, ihn bekümmern auch ethische und moralische Merkmale des Herstellers. Das trifft besonders Großkonzerne, die im weltweiten Netzwerk viel leichter angreifbar sind als kleine regionale Produzenten. Ganz unabhängig davon, ob die Einwände richtig oder falsch sind, sollte jeder Gastgeber das Konfliktpotenzial seiner Arbeit nicht unterschätzen. Wir arbeiten in der öffentlichsten aller Abteilungen, das macht uns bedeutend und kritikanfällig zugleich. Erst recht, wenn es um Essen und Trinken geht.

Gastzufriedenheit vorn

Fast zeitgleich mit diesem konkreten Fall haben wir eine Zukunftsumfrage ausgewertet, die an rund 900 Leserinnen und Leser verschickt wurde. Im Blickpunkt standen die wichtigsten existenziellen Aspekte der Arbeit von Gemeinschaftsgastronomen: Worauf stellen wir uns ein? Das mit großem Abstand meist genannte Erfolgskriterium für die Zukunft der Branche lautet: Gastzufriedenheit! Und gleich dahinter rangiert Kundenorientierung. Gleichzeitig prognostizieren die befragten Entscheider, dass der Gast der Zukunft anspruchsvoller und kritischer sein wird. Volltreffer. Das Beispiel lässt erahnen, was auf uns zukommt. Manche Themen sind eben gefühlt weit weg – und doch so nah.

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