Kommentar zur veganen Kita

Zwei Wahrheiten

Claudia Zilz, Redakteurin gv-praxis
Klein
Claudia Zilz, Redakteurin gv-praxis

"Hilfe, jetzt kommen die Extremisteneltern“, titelte jüngst Spiegel Online zur Eröffnung der ersten veganen Kindertagesstätte in Deutschland. Der Schauplatz: Frankfurt am Main. Die Wellen um die Kita in privater Trägerschaft schlagen seitdem hoch. Unverantwortlich sagen die einen, ausgesprochen gesund die anderen.

Kein Fleisch, kein Honig, keine Milch, kein Käse, nein, und auch kein Ei landen auf den Tellern der Kleinen. Nur Pflanzliches. Kinderbücher mit Bauernhof-Idylle sind genauso tabu wie Zoobesuche und Ausflüge zu Bauernhöfen mit Kühen und Schweinen. Sehr konsequent. Im Grundsatz sieht eine wertfreie Ernährungsbildung jedoch anders aus – und muss im Interesse des Gemeinwohls liegen. Bereits heute wissen viele Kinder nicht mehr, dass die Milch von der Kuh stammt, geschweige denn, die Kuh dafür kalben muss. Warum Kindern diese Erfahrungswelt verwehrt bleiben soll, bleibt fraglich. Man fühle sich wohler, wenn man nicht an dem pervertierten System der Massentierhaltung teilnehme, begründet Lucien Coy von der Elterninitiative „Veggie Kids“ den Schritt hin zur veganen Kita.

Kita-Verpflegung selten im Fokus

Die Medien treiben derweil die Sau weiter durchs Dorf. Nur selten erlangt das Thema Kita-Essen eine solche Medienpräsenz – vegan sei Dank. Man sieht das Wohl der Kinder in Gefahr und kritisiert im gleichen Zuge die Stadt Frankfurt, die grünes Licht für den Betrieb der Einrichtung gab. Der Stadt seien die Hände gebunden, da die Ernährung nicht unter die vorgegebenen formalen Kriterien für eine Betriebserlaubnis falle, verteidigt sich das Schulamt. Und die Kriterien wiederum würden vom Land festgelegt.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt u.a. keine vegane Ernährung für Kinder und Jugendliche. Auch Kinderärzte schlagen Alarm, wie unser Standpunkt in der September-Ausgabe der gv-praxis zeigt. Zu recht. Zu groß ist das Risiko bei rein vegan lebenden Eltern, dass den Sprösslingen auf Dauer etwas fehlt – zum Beispiel Vitamin B12, Protein oder Eisen. Wichtige Nährstoffe für die Entwicklung.

In Frankfurt haben sich die Initiatoren sehr viele Gedanken um das richtige Verpflegungskonzept gemacht, Ernährungsexperten mit ins Boot genommen und gemeinsam einen ausgeklügelten Speisenplan entwickelt. Am Herd der Kita werkelt ein vegan lebender Koch, der täglich frisch für die Kids zaubert. Was auf die Teller kommt und von wem gegessen wird – oder nicht –, soll sogar protokolliert werden.

Mehr Wertschätzung nötig

Kita-Verpflegung avanciert zu einer neuen Wissenschaft. Doch bei aller Kritik würde man sich wünschen, dass sich auch andere Einrichtungen und Kommunen daran ein Beispiel nähmen. Die Kita-Verpflegung verdient mehr Wertschätzung auch und besonders in finanzieller Hinsicht.

Der DGE-Ernährungsbericht brachte vor zwei Jahren die Wahrheit zutage: Nur knapp jede dritte Kita kocht frisch, stattdessen kommt das tägliche Mahl häufig von Anbietern, die wenig auf die Bedürfnisse der Kinder eingestellt sind. Es mangelt vielerorts an Fachpersonal, nur 42 Prozent der Einrichtungen verfügen über ein HAACP-Konzept, und nur gut jede dritte Kita erfährt von ihrem Träger Unterstützung hinsichtlich der Qualität. Dafür kostet das Essen im Schnitt nur 2,42 Euro. Ein Schnäppchen. Über diesen Zustand hat kein Medium geschrieben. Zu unsexy. Der eigentliche Skandal bleibt unentdeckt – kostet er doch weitaus mehr politischen Willen zur Veränderung.

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