Serie Digitale Transformation Teil IX

Claas: "Niemals stehen bleiben"

Moderne Mähdrescher von Claas können z.B. über GPS genauer gesteuert werden.
Claas
Moderne Mähdrescher von Claas können z.B. über GPS genauer gesteuert werden.

Der Leitspruch ist zum Programm geworden. "Niemals stehen bleiben und immer besser werden", hatte Firmengründer August Claas als Losung ausgegeben. Unter diesem Leitbild agiert Claas seit 1913. Jetzt aber stellt sich das Traditionsunternehmen der Digitalen Transformation. Wie – das zeigt die nächste Folge in unserer Serie Digitale Transformation von Unternehmen und Branchen.

Die Historie

1913 baut August Claas mit seinen Brüdern Theo und Franz in Ostwestfalen einen ersten mechanischen Strohbinder. Es ist das eigentliche Geburtsjahr der Firma. Auf den Feldern hält zunehmend Technik Einzug, Claas liefert die Maschinen. In den 1930er Jahren wird aus dem Strohbinder ein Mäh-Dresch-Binder. Durch Neu- und Weiterentwicklungen, auch durch Zukäufe wächst das Familienunternehmen mit Sitz in Harsewinkel nach dem Krieg zu einem Spezialisten für Ernte- und Landmaschinen heran, der seine Produkte bald weltweit herstellt und in 150 Ländern verkauft. Heute gehören Mähdrescher, Häcksler, Traktoren, Teleskoplader, aber auch Messgeräte zum Sortiment. Rund 11.000 Mitarbeiter erwirtschafteten 2018 einen Umsatz von knapp vier Milliarden Euro.

Bloß nicht stehenbleiben – schon vor ihrem 100. Geburtstag 2013 und dem Start der vierten Generation im Unternehmen arbeitet die Claas-Gruppe am nächsten Kapitel der Erfolgsgeschichte: selbst fahrende, vernetzte, intelligente Maschinen, mit denen Bauern nachhaltig wirtschaften. 2012 entsteht die Online-Plattform 365Farmnet, die Daten aus Claas-Maschinen und denen von Partnern sowie von Meteorologen, Geologen, Düngerherstellern bereit stellt, außerdem Apps zur Steuerung von Höfen und zur Vermarktung ihrer Produkte. "Wir arbeiten jeden Tag daran, dass unsere Kunden in immer kürzeren Erntezeiten mehr Ertrag vom Feld holen", sagt Hermann Lohbeck, Sprecher der Konzernleitung. "Das schaffen wir mit der richtigen Hardware und digitaler Technik."

Die Transformation

Die Landwirtschaft wird längst von Daten getrieben: Claas setzt daher auf intelligente Maschinen und Daten. "Bislang galt Claas vor allem als Spezialist für Erntemaschinen, heute liefern wir dazu auch die digitalen Lösungen für landwirtschaftliche Betriebe" sagt Philip Vospeter, der als Head of Digital Transformation die Digitalisierung des Unternehmens koordiniert. "Wir denken inzwischen breiter, in Prozessen und Prozessketten, für die wir neue Angebote entwickeln." Claas-Mähdrescher erkennen heute selbständig das Schnittgut; einmal übers Feld gesteuert, furchen, säen, ernten Landmaschinen mit Hilfe von GPS- und anderen Daten; auch Dünger wird schon passend zur Bodenqualität ausgebracht.

Die Vertriebspartner von Claas online prüfen, wann Landmaschinen schwächeln und schicken just in time Teile und Mechaniker. Obwohl Claas seit fast 15 Jahren intelligente und seit etwa 10 Jahren autonom fahrende Maschinen produziert und dabei auf Daten, 3D-Druck, Augmented und Virtual Reality setzt, wird die digitale Transformation des Unternehmens erst 2015 als Ziel definiert. Vernetzung macht nicht nur Maschinen intelligenter, bei Claas war und ist sie auch Erfolgskonzept: Schon für das internationale Wachstum suchte sich das Unternehmen Partner und schmiedete Joint Ventures, teils sogar mit Konkurrenten wie Caterpillar in USA und Toshkent Tractor in Usbekistan.

Für digitale Innovationen bringt das Unternehmen nun in seinem Greenhouse – einem ehemaligen Autohaus nahe beim Stammsitz – Manager und Angestellte mit Kunden, Gründern, Digitalexperten und anderen Firmen zusammen, sucht für alle Bereiche Technologiepartner und lässt in der "Digital Garage" Trainees, Lehrlinge und Gymnasiasten aus Harsewinkel und Umgebung gemeinsam den Umgang mit Robotern üben. Das alles inspiriert und bringt Wissen ins Unternehmen.

Die Begründung

"Die weltweite Konzentration in der Landwirtschaft wird weitergehen. Die Vorstellung ist eine Illusion, dass dieser Trend jemals nachlassen wird", erklärt Claas-Chef Lohbeck. Produzierten in den Jahren 1999/2000 laut Statistischem Bundesamt hierzulande noch 472.000 Höfe auf durchschnittlich 36,3 Hektar Korn, Gemüse, Obst oder Fleisch, so waren es 2013 nur noch 285.000 Höfe, die aber im Schnitt 58,6 Hektar Grund beackerten.

In immer größeren Betrieben wächst der Bedarf an leistungsstarken Helfern: Land- und Erntemaschinen sind heute intelligent, und immer besser motorisiert. In einigen Teilen der Welt herrscht außerdem noch immer Hunger, rund sieben Milliarden Menschen brauchen täglich Nahrung und es werden weiterhin mehr: "Wir müssen bis 2050 die Produktion von Nahrungsmitteln verdoppeln, um die Weltbevölkerung ernähren zu können", schließt Thomas Böck, im Claas-Konzern verantwortlich für Technologie und Systeme, aus den Zahlen.

"Betrachtet man die letzten 20, 30 Jahre, so war technischer Fortschritt stets mit einem Größen- und Leistungszuwachs der Maschinen verbunden. Heute liegt der Fokus auf intelligenten, energie-effizenten Maschinen, die bei minimalen Kosten produktiver arbeiten." Claas ist weltweit der fünftgrößte Hersteller von Land- und Erntemaschinen (Deere & Company, CNH Industrial, Kubota, Acgo) will sich daher im Wettbewerb durch Innovation hervortun und Services, Technik, Angebote schneller entwickeln, am besten zusammen mit Kunden.

Der Prozess

Immer besser werden, nach den ersten digitalen Produkten optimiert Claas nun interne Abläufe: "Wir wollen unsere Angebote, Produkte und Leistungen noch stärker aus Kundensicht denken und unser Maschinengeschäft mit neuen Business-Modellen für Services absichern", erklärt Koordinator Vospeter. Der Landmaschinen-Spezialist fokussiert dabei auf vier Themen:
  • Industrie 4.0: Datengetriebene Produkte und vernetzte Produktion, dazu gehören der Einsatz und die Entwicklung von Robotern, autonomen Systemen, 3D-Druck
  • Smart Farming: Online-Services für die Landwirtschaft
  • Customer Experience: Mehr Kundennähe und Service
  • Empowerment: Aus- und Weiterbildung der Mitarbeitenden
"Wir haben bewusst keine digitalen Units gegründet, weil die Digitalisierung auf allen Ebenen und in allen Abteilungen Wirkung entfalten muss", berichtet Vospeter weiter. Diese Einstellung und das Festhalten an kurzen Wegen wirkt sich auch an anderer Stelle aus. Anders als bei anderen Firmen wird das Digital-Labor Greenhouse nicht in Berlin, sondern in Harsewinkel angesiedelt.

Die Mitarbeiter

60 bis 70 Prozent seiner Arbeitszeit verbringt Philip Vospeter nach eigenen Aussagen "im diplomatischen Dienst" und wirbt bei den Kollegen für die digitale Technik, Arbeitsweisen, andere Abläufe. "Wir müssen die Menschen für Ideen und neue Prozesse gewinnen", sagt er, "und dafür die Einsicht verbreiten, dass sich Digitalisierung nicht nur lohnt, sondern notwendig ist, wenn Claas auch in den nächsten 100 Jahren Erfolg haben soll." Vospeter und seine Mitarbeiter sind zwar der Sparte Technik zugeordnet, koordinieren aber unternehmensweit 82 Projekte, die wiederum 300 bis 400 Angestellte aus allen Bereichen beschäftigen. Ein intern ausgeschriebenes Ideenprogramm erhöht beinahe täglich die Zahl der Projekte.

Die Keimzelle all dieser Pläne bildet das Digitallab Greenhouse: Die einstigen Ausstellungsräumen bieten flexibel gestaltbaren Raum, um kurzzeitig abteilungsübergreifende Teams zu bilden oder verschiedene Stakeholder zusammen zu bringen. Hier werden Methoden wie Design Thinking, Prototyping und Co-Creation vorgestellt und ausprobiert, kommen Kunden mit Entwicklern ins Gespräch, stellen sich Partner vor.

"Tuesday Unlimited" heißen die regelmäßigen Veranstaltungen mit Eintopf-Essen, bei denen auch mit externen Spezialisten über Projekte und Pläne diskutiert wird und die meist um 150 Angestellte aus allen deutschen Standorten anziehen. Ein Grund, warum Vospeter und sein Team darüber nachdenken, wie sie ähnliche Treffpunkte auch an den Standorten im Ausland etablieren können, ebenfalls in der Überlegung: Innovation durch Beteiligungen und Start-up-Förderung zu beschleunigen.

Die Öffnung

Vernetzung ist der Motor für Wachstum und Transformation bei Claas: 2014 bündelte die Gruppe ihre Elektronikkompetenz in der Tochter E-Systems. Jetzt wird hier an fahrzeug-übergreifenden Systemen gearbeitet, aber auch daran, Landmaschinen in herstellerunabhängige Systeme zu integrieren. So nimmt die Innovationskraft fürs Feld bereits heute Tempo auf: Zehn Jahre dauert im Schnitt die Entwicklung einer Maschine, damit sie sich rentiert, ist sie deutlich länger in Betrieb. Um diese Produktlebenszyklen zu verkürzen, ist eine flexible Gestaltung gefordert, die den späteren Umbau vereinfacht. Vor allem aber helfen Remote Services über Funk bei der Modernisierung, selbst ältere Maschinen lassen sich durch eine Aktualisierung ihrer Elektronik erneuern.

"Landmaschinen werden gerade während der Ernte oft 24 Stunden am Tag gefordert, in dieser Zeit ist es wichtig, eine möglichst lange Uptime oder Servicegewähr zu bieten", sagt Vospeter. Auch das ermöglichen Remote Services sowie ein ausgeklügeltes Online-Vertriebssystem: "Auf der Claas-Plattform erkennen Händler, an welcher Maschine es Reparaturbedarf gibt, wir entwickeln gerade Predictive- oder Prognosesysteme, um die Uptime zu erhöhen."

Ähnlich vernetzt wie repariert wird, produzieren sie bei Claas weltweit: Eine 3D-Plattform verbindet die Produktionsstätten auf nahezu jedem Kontinent, bietet Zugang zu Konstruktionsdaten, ermöglicht das länderübergreifende Tüfteln sowie die Anpassung von Modellen an ländertypische Anbaumethoden. Besonders stolz ist Claas zurzeit auf den Mähdrescher Seno, den die Mannschaft in China und mit Hilfe aus Indien und Europa konstruiert hatte und 2018 in den Markt startete.

Risiken

Der weiter wachsende Konsolidierungsdruck in der Landwirtschaft weltweit und das Sterben von Höfen erhöhen die Konkurrenz unter den Maschinen-Herstellern. Claas hat sich zwar als Spezialist für Erntemaschinen einen Namen gemacht und führt in Europa seinen Markt an, doch Marktanteile gewinnt das Unternehmen heute vor allem in Asien und Indien, außerdem durch Zukauf von Herstellern weiterer Maschinen.

Mit eigenen Produktionen in Gaomi sowie in Fardabad und Chandigarh kommt Claas auch in Asien seinen Kunden näher. Digitalisierung und Vernetzung führen langfristig außerdem zu Konzentration und Marktmacht: Weil Landwirte und potenzielle Partner Abhängigkeiten und vor allem den wirtschaftlichen Missbrauch ihrer Daten befürchteten, wurde die 2012 entstandene Online-Plattform 365Farmnet 2015 ausgegründet und verselbständigt.

Zwar produziert Claas dafür immer noch Apps, die meisten Maschinen sind weiterhin mit der Plattform verknüpft und liefern anonymisiert Daten zu, doch um Reichweite und Nutzung zu steigern, konkurrieren sie hier jetzt mit den Angeboten von Konkurrenten wie Fendt, Accord, Agri Farm sowie denen von Start-ups. 365Farmnet muss sich an vergleichbaren Angeboten wie Farmer’s Edge, Farmnext und Next Farming messen lassen.

Die Kommunikation

Knapp eine halbe Million Menschen folgen Claas Deutschland auf Facebook, Tausende sehen sich die Filme über Traktoren, Mähdrescher und andere Maschinen auf Youtube an. Claas besetzt die wichtigsten Nachrichten- und Onlinekanäle und informiert regelmäßig auch seine Mitarbeitenden via Intranet oder Youtube-Kanal über die Fortschritte digitaler Projekte. Zudem gibt es Präsenzveranstaltungen wie den "Tuesdays Unlimited".

Von Vorteil erweist sich, dass Claas nicht nur Maschinen und Systeme liefert, sondern Traktoren und Mähdrescher längst auch im Spielzeugformat für Sammler und den Nachwuchs anbietet. Kombiniert mit einer Kollektion aus Arbeits- und Freizeitkleidung sowie nützlichen oder hübschen Accessoires besetzt das Unternehmen so nebenbei weiche Themen wie Mode, Kinder, Familie.

Die Ergebnisse

Immer bessere Services bietet Claas inzwischen dank Vernetzung und neuer interner Abläufe: Claas Connect heißt ein Programm und eine App, mit der Landwirte online Lizenzen ihrer Maschinen und digitalen Helfer verlängern, Gebrauchtmaschinen kaufen oder leihen oder aber Ersatzteile ordern können. Längst hat sich 365Farmnet als konkurrenzfähiges Cockpit in der Hosentasche von Landwirten bewährt. Mit den ersten Remote Services verlängert und verbessert Claas die Arbeitsfähigkeit seiner Maschinen und verkürzt Reparaturzeiten.

"Elektronik, Prozessoren, Software, Speichermedien haben alle kürzere Lebenszyklen, damit aber unsere Maschinen über viele Jahrzehnte Mehrwert bieten, müssen wir neue Technologien einbauen oder vorhandene aktualisieren können", erklärt Technik-Leiter Böck. Die Prognosefähigkeit der Claas-Systeme und Algorithmen soll diesen Service weiter verbessern. Der chinesische Mähdrescher Seno gibt ein eindrucksvolles Beispiel für die vernetzte Entwicklung, weil er gerade keine Modifikation bestehender Modelle ist, sondern eine Maschine speziell für chinesische Erntewünsche – erarbeitet in China, Indien, Ungarn und Deutschland.

"Spannend ist auch, dass Maschinenleistung wichtiger wird, nicht aber das Eigentum", ergänzt Claas-Chef Hermann Lohbeck. "First Rental" bedient dementsprechend die Share-Economie und ist der Traktor zum Mieten. "Das gab es bislang noch nicht", sagt Digital-Koordinator Vospeter. "Wir haben das Mietmodell kurzfristig in Polen getestet und danach in Deutschland und weltweit eingeführt." Schnell neue Ideen umsetzen, testen und marktfähig zu machen – die Digitalisierung funktioniert schon.

Learnings

Dreh-, Angel- und Knackpunkt sind und bleiben die Menschen. Vospeter, der 2011 von einer Beratung zu Claas wechselte, hat sich daher längst vom Vortragen und Präsentieren verabschiedet: "Zeigen ist immer besser als berichten und erklären", sagt er. "Digitaltechnik zum Anfassen und Ausprobieren überzeugt mehr als Powerpoint-Folien."

Letztlich aber, das ist das Resümee der vergangenen Jahre, verändern sich extern wie intern lediglich Prozesse, das Geschäft bleibt dasselbe: "Wir werden auch in 20 Jahren noch Landmaschinen verkaufen", geben sich die Führungskräfte von Claas überzeugt. "Sie werden dann deutlich autonomer arbeiten, vielleicht gibt’s auch schon Roboter fürs Feld und weitere, neue Vertriebsmodelle. Die Landwirtschaft hat allerdings keinen Besitz-, sondern einen Erntebedarf. Mit viel Fantasie können wir daraus neue Geschäfte für verschiedene Weltregionen auf- und ausbauen."

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