Verbraucherinformation

Streit um künftige Nährwertkennzeichnung


Dem Unternehmen Iglo ist zuletzt die Nutri-Score-Kennzeichnung von Produkten vom Landesgericht Hamburg untersagt worden. Es sei wettbewerbsrechtlich nicht zulässig.
Nutri-Score
Dem Unternehmen Iglo ist zuletzt die Nutri-Score-Kennzeichnung von Produkten vom Landesgericht Hamburg untersagt worden. Es sei wettbewerbsrechtlich nicht zulässig.

Die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch wirft Bundesernährungsministerin Julia Klöckner das Verheimlichen einer Original-Studie des Max-Rubner-Instituts (MRI) vor, in der angeblich die „Nutri-Score-Ampel“ als einfache Nährwertkennzeichnung positiv bewertet worden war. Stattdessen habe Klöckner im Oktober vergangenen Jahres „die weitere Prüfung der MRI-Studie in der Fachabteilung inklusive der Abstimmung mit den anderen Referaten“ angeordnet, kritisiert Foodwatch. Das Ministerium wehrt sich gegen die Vorwürfe.

Das Max-Rubner-Institut hatte vom Bundesernährungsministerium den Auftrag erhalten, die bereits bestehenden Nährwertkennzeichnungs-Modelle wissenschaftlich zu bewerten. Die vorläufigen Ergebnisse lagen anscheinend bereits im Oktober vor – wurden jedoch noch nicht veröffentlicht. Eine augenscheinlich überarbeitete Version der Studie bzw. die Kerndaten daraus stellte die CSU-Politikerin Klöckner jüngst der Öffentlichkeit vor.

Nichts ist optimal

Das Ergebnis: Keine der untersuchten Kennzeichnungsmodelle sei ausreichend geeignet, den Verbraucher schnell, objektiv und einfach hin zu einer gesunden Lebensmittelauswahl zu leiten. Jedes Modell weise Vor- und Nachteile auf – auch die von vielen kritischen Verbraucherverbänden propagierte französische Nutri-Score-Kennzeichnung könne nicht uneingeschränkt empfohlen werden, da hier ein Menü aus Pommes-Frites, Schnitzel und Light-Softgetränk eine grüne Bewertung bekäme, heißt es aus dem Ministerium.

In Folge dessen hat die Bundesministerin das MRI damit beauftragt, ein gänzlich neues Kennzeichungssystem zu entwickeln und dies darüber hinaus in einer Verbraucherbefragung und in einem Praxistest zu checken. Dieser Prozess werde laut MRI mehrere Jahre in Anspruch nehmen. Parallel fordert Klöckner eine europaweit einheitliche Lösung.

Keine Zeit zum Warten

Der eingeschlagene Weg des Ministeriums sei angesichts hoher Quoten von Übergewicht in Deutschland und den problematischen Folgen völlig inakzeptabel und eine unnötige Verzögerung, kritisiert Barbara Bitzer, Specherin der Deutschen Allianz Nichtübertragbarer Krankheiten (DANK), ein Zusammenschluss von bundesweit 22 medizinisch-wissenschaftlichen Fachgesellschaften, Verbänden und Forschungseinrichtungen, darunter die Deutsche Herzstiftung und die Deutsche Krebsgesellschaft.

Laut Bitzer zeige auch der im April vorgelegte Bericht des Max-Rubner-Instituts, dass die Nutri-Score-Kennzeichnung die allermeisten geprüften Kriterien für eine gute Kennzeichnung erfülle. Eine Verschiebung um mehrere Jahre sei aus Sicht des Verbandes ein Geschenk an Teile der Lebensmittelindustrie, die ihrer Verantwortung gegenüber den Verbrauchern nicht gerecht werden wollten, so Bitzer. Das Nutri-Score-Modell schneidet tatsächlich im Vergleich mit anderen Kennzeichnungssystemen am besten ab, wie Recherchen der gv-praxis ergeben haben. Ein Ende des Streits ist derweil nicht absehbar.

Europäische Lösung in weiter Ferne

Im Koalitionsvertrag der Bundesregierung wurde eine vereinfachte Nährwertkennzeichnung als Ziel formuliert, um Verbrauchern eine verlässliche Orientierung zu geben. O-Ton Klöckner: „Die gesunde Wahl soll die leichte Wahl sein.“ Die vereinfachte Nährwertkennzeichnung sieht die Ministerin als zentralen Baustein ihrer Politik im Kampf gegen Übergewicht und für einen gesunden Lebensstil. Die Europäische Kommission hatte einen Bericht zu den Nährwertkennzeichnungssystemen in Europa als Basis für eine europäische Lösung angekündigt. Dieses Vorhaben wurde jedoch verschoben. Man warte deshalb nicht länger auf den Brüsseler Bericht, sondern bringe den Prozess in Deutschland selbst voran, so die Ministerin.

Hintergrund: das EU-Recht

Mitgliedstaaten dürfen grundsätzlich keine einzelstaatlichen Vorschriften erlassen, die über die bisherige verpflichtende Nährwertkennzeichnung hinausgehen, teilte das Bundesernährungsministerium mit. Wollen Mitgliedstaaten zusätzliche nationale Kennzeichnungspflichten erlassen, müssen diese den Voraussetzungen des Artikels 39 Absatz 1 der LMIV (Lebensmittel- und Futtermittelinformationsverordnung) genügen. Umfassende erweiterte Nährwertkennzeichnungssysteme wie NutriScore oder die britische Ampel sind bisher ausschließlich als Empfehlungen konzipiert, die Teilnahme ist den Unternehmen freigestellt. Eine Verpflichtung, solche Systeme verwenden zu müssen, ist laut Bundesministerium nach EU-Recht derzeit nicht möglich.

Über Nuri-Score
Der von französischen Wissenschaftlern entwickelte Nutri-Score ist ein farbiges System der Lebensmittelkennzeichnung. Dabei wird aus eher günstigen Inhaltstoffen (z.B. Obst, Gemüse, Ballaststoffe) und eher ungünstigen Inhaltsstoffen (z.B. Zucker, gesättigte Fettsäuren) ein Gesamt-Punktwert berechnet. Je nach Wert wird das Produkt auf der Vorderseite der Verpackung mit einem Buchstaben und einer Farbe auf einer fünfstufigen Skala gekennzeichnet, von einem dunkelgrünen A bis zu einem roten E. In Frankreich wurde das Modell erfolgreich als Kennzeichnung bereits 2017 auf Initiative der Regierung eingeführt.


stats