Rohstoffpreise

Stimmen gegen Spekulationen mehren sich

Immer mehr Organisationen und Politiker fordern ein Ende der preistreibenden Spekulationen an den Rohstoffmärkten. Während in den USA soeben ein Anlauf für restriktive Maßnahmen zur Eindämmung dieses für Erzeuger, Vermarkter wie Verbraucher belastenden Phänomens genommen wurde, prangerte jetzt auch die Organisation Foodwatch die weltweiten Rohstoff-Spekulationen an.

Foodwatch beschuldigt Finanzspekulanten, für die weltweiten Hungersnöte mitverantwortlich zu sein. Seit dem Einstieg der Investoren in Geschäfte mit Rohstoffen für Lebensmittel seien die Preise kontinuierlich gestiegen, heißt es in einem am Dienstag in Berlin vorgestellten Bericht. Die von Lebensmittelimporten abhängigen und ohnehin ärmsten Länder der Welt seien von den Spekulationen am stärksten betroffen.

Die Preise würden vor allem durch Termingeschäfte steigen. Produzent und Käufer schließen dabei Verträge ab, um eine zukünftige Warenlieferung zu vorher festgelegten Preisen zu garantieren. Durch Investmentbanken sei dieses grundsätzlich sinnvolle Marktinstrument zur Perversion verkommen, sagte der Wirtschaftsjournalist Harald Schuhmann, Autor des Reports. Die auf Spekulationen begründeten Preise würden zu Referenzpreisen für den gesamten Markt. Auf diesem Weg hätten sich beispielsweise Getreide oder Speiseöl über ein Jahr um bis zu 25 % verteuert. Anleger wie Banken, Versicherungen oder Pensionsfonds müssten vom Rohstoffgeschäft ausgeschlossen werden, so die Forderung von Foodwatch-Vorstand Thilo Bode.

Mit seiner Kritik steht Bode nicht allein. So warf kürzlich der Bayerische Müllerbund – mitgliederstärkster Berufsverband der Müller in Deutschland - mit Blick auf den Welternährungstag am vergangenen Sonntag den Börsenhändlern vor, Grundnahrungsmittel zur Geschäftemacherei zu missbrauchen. Geschäftsführer Josef Rampl erklärte, die Spekulationen mit Getreide seien eine wirtschaftliche Gefahr für Mühlenbesitzer, Landwirte und Bäcker. Seitdem die EU den Markt weniger reguliere, "sind wir den internationalen Leitbörsen ausgeliefert", so Rampl. Und auch der französische Staatspräsident Sarkozy warnte wiederholt vor den Folgen der Rohstoff-Spekulation.

Fakt ist: Weltweit leiden nachoffiziellen Schätzungen inzwischen fast eine Milliarde Menschen an Hunger. Gleichzeitig steigen die Preise für Agrarrohstoffe wie Mais, Weizen oder Reis stark an - in den vergangenen elf Jahren um rund 150 %. Als zentrale Ursache für den Hunger haben die Vereinten Nationen in ihrem jüngsten Ernährungsbericht vor allem die starken Preisschwankungen ausgemacht und als Gegenmittel mehr Transparenz auf den Lebensmittelmärkten gefordert.

Die Deutsche Bank, von Bode explizit angegriffen, wies die Vorwürfe von Foodwatch unterdessen zurück. Preissteigerungen und Schwankungen bei Agrarrohstoffen seien vorrangig auf Wetterereignisse, die steigende Nachfrage aus den Schwellenländern wie China und Indien, ein verändertes Ernährungsverhalten sowie den steigenden Bedarf an Biodiesel zurückzuführen, so das Geldinstitut.

Lesenswert in diesem Zusammenhang die online veröffentlichte Meinung eines Lesers der Lebensmittel Zeitung – hier ein Auszug: „Derivative Termingeschäfte mit Rohstoffen ohne physischen Bedarf sind wie Digitalphotographien: Man weiß nie, wie viele Kopien vom Original angefertigt wurden oder wie das Original aussieht, meistens existiert überhaupt keines. Je virtueller das Geschäft, desto höher sind die Renditen. Bilder von Weizen, Reis, Zucker, Kakao, Kaffee etc. werden auf virtuelle Weise zigmal verkauft und gekauft, aber real existiert nur ein Bruchteil des gehandelten Volumens. Derivates Trading mit virtuellen Rohstoffen ist keine Disziplin für gestandene Unternehmer in Industrie und Handel, sondern ein Wett-Spiel für die eingeweihten Glasperlenspieler des Virtualismus.“

www.foodwatch.de

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