Host 2021 | Tutto Food

Investitionsschub kollidiert mit Material-Mangel

Die Branche ist froh: endlich wieder alle treffen im richtigen Leben. Zumindest fast alle.
Fiera Milano
Die Branche ist froh: endlich wieder alle treffen im richtigen Leben. Zumindest fast alle.

1.344 Aussteller aus 43 Nationen hatten sich entschlossen, ihre Neuheiten und Lösungen auf der ersten internationalen Messe für Gastrotechnik seit Beginn der Coronapandemie zu zeigen. Flankierend zur Host 2021 starteten in Mailand vom 22. bis 26. Oktober mit TuttoFood und MeatTech die Lebensmittelmessen zeitlich parallel. Die Stimmung auf Ausstellerseite war positiv, doch alles andere als sorgenfrei.

Wohin man auch schaute, italienische Aussteller dominierten das Feld. Ein gutes Drittel war aus 43 anderen Ländern angereist. Im Vergleich zu 1.700 Ausstellern aus 50 Ländern erwartungsgemäß ein Rückgang. Rund 20 Prozent gegenüber der letzten Host 2019. Heimat-Größen wie Smeg oder auch Kaffeemaschinen-Primus WMF etwa suchte man auf der Ausstellerliste genauso vergebens wie US-Größen wie Welbilt oder Altoshaam bei der Gartechnik.

Wie hoch die Besucherzahlen ausfallen werden, bleibt noch abzuwarten. Vom gewohnten Gedränge konnte weder am klassisch bestens besuchten Auftakt-Freitag noch am Samstag die Rede sein. Insbesondere Gäste aus Asien und Südamerika wurden vermisst, Kunden aus Nahost füllten am zweiten Tag ein wenig mehr die Hallen.

Dennoch ist die Stimmung positiv, nicht zuletzt, da sich dank Überbrückungshilfen in Deutschland aber auch in Italien die Investitionsfreude der HoReCa-Branche in vollen Auftragsbüchern der Hersteller niederschlägt. Was ist das große Thema? "Der Green Deal", steht etwa für Kiconn-Geschäftsführer Marc-Oliver Schneider aus dem FCSI-Netzwerk fest. Nachhaltigkeit, Ressourceneffizienz und Vernetzung sind die Schlagworte, die den Grundton auf dem größten internationalen Treffpunkt der Branche ausmachen. "Wir können den ganzen Prozess eines Gastrobetriebes vernetzen von Einkauf und Anlieferung bis zum Spülen und wegräumen. Jedes Teil aus der Küche kann rückverfolgt werden. Verknüpft mit Pre-Order wird maximal optimiert, springt die Fritteuse automatisch pünktlich an, wenn das erste Gericht des Tages zubereitet werden muss." Corona als Türoffner für eine Entwicklung, die längst überfällig war.

Mangelerscheinungen

"Wir müssen von Kunststoffen weg und langlebige Materialien wie Edelstahl noch mehr einsetzen", betont Egon Kofler, CEO von Blanco Professional. Das Unternehmen feiert mit der Host 2021 die Premiere seines Marken-Relaunches unter dem neuen Namen "B.Pro". Doch führt dieses wichtigste Material der Großküche direkt zu den gößten Sorgen der Techniker. Neben Halbleitern und Chips für die nun nach langer Skepsis und Anlaufzeit nicht mehr wegzudenkende digitale Technik, ist es kaum noch zu bekommen – noch mehr Sorgen bereitet dabei die Lieferlogistik. Die Ware bleibt in den Häfen stecken, die Transportkosten steigen exorbitant. Effekte, die sich auf die Preise für die Kunden niederschlagen. Je nach Edelstahlanteil fangen die Aufschläge bei 3 Prozent an, klettern aber auch auf bis zu 10 Prozent.

 
Wieder zeigt sich wie zu Beginn der Pandemie, wie fest verbunden die Branche zusammensteht. Es geht ja auch nicht anders: Die Kunden haben Verständnis und gehen mit, berichten die Hersteller. "Das Problem trifft alle und den Peak haben wir noch längst nicht erreicht, ist sich Uwe Busse, Sales Director North Europe bei Franke Coffee Systems sicher. Das dicke Ende stehe noch aus. Erstens werden die Überbrückungshilfen irgendwann aufgebraucht sein. Zweitens will sich keiner darauf verlassen, dass die Pandemie im Griff sein könnte. Drittens empfinden manche den unleugbar notwendigen Klimaschutz als Damoklesschwert – wie den Klimawandel auch. Es muss etwas geschehen und zwar radikal, das sehen viele ein. Wehtun soll es aber am liebsten auch nicht. Die nächsten Monate werden da eine Richtung aufzeigen.

LEH erobert Mittagsgeschäft

Größte Wachstumsbranche aus Sicht von Coffeeservice-Experte Busse: der Lebensmitteleinzelhandel. Er setzt immer stärker auf gastronomische Angebote. "Der LEH sucht mit Hochdruck nach völlig neuen Konzepten, will sich komplett neu definieren", bekräftigt im selben Tenor Christian Kolb, Inhaber der Münchner Artichoc – Consulting. Die Sparte Mitarbeitergastronomie gehört zu den Sorgenkindern. Der etablierte Homeoffice-Modus wird eher nicht als Investitionsfaktor gesehen, als konzeptioneller Innovationsschub schon.

Vorsichtig waren die Aussteller bei der Standbuchung, haben sich teils auf die Hälfte der früher gebuchten Fläche beschränkt. Gleich geblieben sind die Standgebühren, astronomische Höhen erreichten jedoch die Transporte, Messebauer aufzutreiben glich einer Lotterie. Froh ist man jedoch allemal, dass die Messe live im gewohnten Modus abläuft. "Die digitalen Formate sind ein echter Gewinn für Kommunikation, Wissenstransfer und direkten Austausch", sagt nicht allein MKN-Kommunikationschefin Corinna Düe. Jedoch eher im direkten B2B-Setting für Workshops, Meetings oder Einweisungen und Imagefilme. Eher nicht für Messen. Gegenstimmen: Keine.

Die Erfahrungen mit quasi Null-Geschäft aus einer IDX_FS im März wirken branchenweit nach. In Mailand zeigen bereits die ersten Tage: Die Gespräche sind gut, die Nachfrage hoch, gekommen ist nur, wer sich neu aufstellen will mit dem Ziel zu kaufen. Die jüngsten technischen Entwicklungen sind heiß begehrt. Jeder will sich effizient und nachhaltig den gestiegenen Anforderungen der Gäste an Ökologie und Qualität zu fairen Preisen stellen. Die Nachfrage: recycelbar, kompostierfähig, langlebig, digital und smart muss es sein.


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