Uni Luzern | Veggie-Mensa

K(r)ampf ums Fleisch

Historische Ansicht und ebenso historische Diskussionen um Ernährungsdogmen: In und um die Uni und Pädagogische Hochschule Luzern spielt sich seit Juli ein mediales Drama ums Mensa-Essen ab: Fleisch oder nicht Fleisch, das ist hier die Frage.
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Historische Ansicht und ebenso historische Diskussionen um Ernährungsdogmen: In und um die Uni und Pädagogische Hochschule Luzern spielt sich seit Juli ein mediales Drama ums Mensa-Essen ab: Fleisch oder nicht Fleisch, das ist hier die Frage.

Eine vegan-vegetarisch orientierte Mensa hatten die Universität Luzern und ihr Mensabetreiber ZFV-Unternehmungen ab dem Wintersemester angekündigt. Das Medien-Echo war erstens groß und zweitens durchwachsen. Waren Klima- und Tierschützer voll des Lobes, lief unter anderen die Fleisch- und Bauernlobby Sturm. Nun feiern Rind, Huhn und Schwein ein mediales Mensa-Comeback. Und alle haben recht.

Als dramatischer Mehrakter spukt die Veggie-Mensa der Universität Luzern seit Juli durch die Landes-Presse. Während Metzger, Viehzüchter und Politiker der SVP wie auch der FDP einen Sieg über einen unterstellten Staatsterror feiern, argumentieren die Universität und ihr Züricher Caterer ZFV-Unternehmungen, Fleisch und Fisch seien niemals weggewesen: 

"Die Mensa-Betreiberin verfolgt ein in erster Linie vegan-vegetarisches Verpflegungskonzept. 
In Ergänzung ... gibt es ein ... Angebot mit abwechslungsreichen und frischen Speisen mit Fleisch oder Fisch – aktuell in einem Foodtruck vor dem Uni/PH-Gebäude." Da der Truck nun als Covid-Testcenter eingesetzt werde, sei sein Angebot in die Mensa verlegt worden. Letztlich handele es sich also nicht um eine Wiedereinführung des Fleischangebotes, sondern lediglich, so die Universität, um die Rückverlegung aus dem Truck in die Mensa.

Interpretations- versus Angebots-Vielfalt

Veggie-Offerten dominieren das Angebot des Uni-Caterers ZFV-Unternehmungen – Fleisch- und Fisch-Toppings machen "mehr" draus.
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Veggie-Offerten dominieren das Angebot des Uni-Caterers ZFV-Unternehmungen – Fleisch- und Fisch-Toppings machen "mehr" draus.
Der ursprüngliche Plan war so: Die Mensa bietet zunächst vegan-vegetarische Speisen. Draußen vor der Tür macht das Angebot im Foodtruck die Fleischliebhaber weiter glücklich. Doch schon im Juli prophezeite die Luzerner Zeitung heftige Reaktionen. Im August liefen sich die Kritiker dann warm: Mit "Uni Luzern provoziert mit Menü-Diktat", "Moralisierung" und "die Uni schneidet sich ins eigene Fleisch" spielten die Medien, respektive ihre Zitatgeber, gekonnt auf der Empörungs-Klaviatur.

Knackpunkt: Die Uni-Mensa sei eine öffentliche Einrichtung, sprich die angebliche Entscheidung gegen Fleisch eine politische. Dies rief z.B. den Schweizer Fleisch-Fachverband (SFF) auf den Plan. Seine Kritik: "Bevormundung" und "Verpolitisierung des Essens". Der Bauernverband unterstellte in einem offenen Brief an den Uni-Rektor eine "undifferenzierte Verbannung von Fleisch".

(Kein) Fleisch in aller Munde!

Letztlich wechselten SVP- und FDP-Politiker den Blickwinkel – und bemühten die wie meist falsche Opfer-Saga: Fleischesser würden in einer öffentlichen Einrichtung ausgeschlossen, sprich diskriminiert.

Doch lehnten die Studierenden die Opferrolle öffentlich ab, indem sie sich in einem ebenfalls offenen Brief politische Einmischung verbaten. Man wisse selbst, was gut für einen sei: "Ein Mensa-Essen am Mittag kommt gut ohne Fleisch aus. Denn gerade, wenn es günstig sein soll, ist es schwierig, dass das Fleisch aus der Region kommt", – mehr oder weniger die Argumentation des Anbieters und das Dilemma auf den Punkt gebracht: Wenn Fleisch, dann regional und qualitativ hochwertig – und damit eigentlich rar im studentischen Menü.

Zeitgemäß, innovativ, unaufgeregt

In Deutschland kommen die Universitäten in diesem Wintersemester weitestgehend zurück zum Präsenzunterricht – und die Studierendenwerke haben die leeren Mensa-Hallen und -Zeiten für konzeptionelle Relaunches ihrer Speisenangebote sowie To-go-Logistik genutzt – mit deutlichem Schwerpunkt auf Klima- und Tierschutz sowie nachhaltigem Handeln: Weniger tierische Produkte, mehr pflanzliche Vielfalt und fast überall flächendeckend oder in Pilotprojekten Mehrweg- und Poolsystem fürs To-go-Geschirr. Passend zur Zielgruppe – den Business-People von morgen, weshalb man deutlich sieht, dass auch die Betriebsgastronomie längst die Zeichen der Zeit erkannt hat.

Fakt ist: Die Hochschulmensa in Luzern fährt ein zeitgemäß breites Angebot an pflanzenbasierten Speisen und integriert Huhn, Rind, Schwein und Fisch nach Gäste-Wunsch. Gewonnen haben im bühnenwürdigen Drama ums Fleisch alle, in der Eigenwahrnehmung – außer den Tieren, versteht sich: Die Verteidiger des Fleischgenusses brüsten sich, die Uni und damit die Kantonsregierung seien unter ihrem Druck zurückgerudert. Die Universität erklärt weiterhin, Fleisch und Fisch seien immer Teil des Angebotes gewesen und im Sinne der Gäste zu handeln. Und auch die Medienvertreter hatten einiges Spannendes zu berichten. Was bleibt: Gut, dass wir drüber gesprochen haben!

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